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75 Jahre nach Ende der Nazizeit – II. Teil unserer Geschichtsreihe

Wie braun war die Insel?

Foto: pixabay Den größten Erfolg auf Sylt feierten die Nazis bei der letzten freien Reichstagswahl im Jahr 1933 in Morsum (Foto): 81,4 Prozent der Einwohner stimmten damals für die NSDAP.

Von Frank Berno Timm

Insel Sylt. Blickt man in die jüngere Geschichte der Bundesrepublik, fällt auf: Immer wieder wurden Parteien, die offen rechtsextrem waren oder sich mit entsprechenden Vorwürfen auseinander zu setzen hatten, in die Landtage oder gar in den Bundestag gewählt: NPD, Republikaner, AfD. Ist es zulässig, Parallelen zum Abschneiden der NSDAP kurz vor Ende der Weimarer Republik zu ziehen, als die Wahlen in Deutschland noch frei und geheim waren?

Blicken wir auf die Insel. Ekkehard Lauritzen erinnert auf seiner Website (http://www.lauritzen-hamburg.de) daran, dass die Nazis bei der letzten Reichstagswahl am 5. März 1933, bei der mehrere Parteien antraten, 81,4 Prozent der Stimmen in Morsum erzielten. Zum Vergleich: Im Reichsdurchschnitt stimmten bei dieser Wahl, die bereits unter der Kanzlerschaft Hitlers stattfand, 43,9 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die NSDAP. Auch in anderen Orten der Insel waren die Nazis teils erheblich erfolgreicher als im Reichsdurchschnitt: Archsum 86,3 Prozent, Keitum 68,7 Prozent, Tinnum 59,2 Prozent, Westerland 47 Prozent, Wenningstedt 72,2 Prozent, Kampen 58,5 Prozent, List 75,1 Prozent und Rantum 45,4 Prozent für die NSDAP.

Wie lässt sich das erklären? Lauritzen zitiert den einstigen Sylter Lehrer Harald Voigt, der darauf hingewiesen hat, dass die wirtschaftliche Situation der Sylter zwischen 1927 und 1933 „auf allen Gebieten und für alle Bevölkerungsteile katastrophal war“.

Die Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History in Schleswig betreibt ein virtuelles Museum, dessen Website noch auf andere Umstände hinweist. Bei den Reichstagswahlen 1919 hätten MSPD, USPD und DDP in Schleswig-Holstein noch mehr als drei Viertel der Stimmen bekommen. Aber bereits 1924 habe die Mehrheit der Bevölkerung bei Wahlen für republikfeindliche Parteien gestimmt.

Die Schleswiger Forscher erinnern daran, dass die erste deutsche Demokratie in den Führungskräften von Verwaltung und Militär wenig Rückhalt hatte, weil sie nach der Revolution 1918/19 nicht ausgetauscht wurden. Der Versailler Vertrag nach Ende des Ersten Weltkriegs, die Grenzabstimmung von 1920 mit der Abtrennung von Nordschleswig und die gezielt gestreute Dolchstoßlegende (Deutschland habe den Krieg wegen Sozialdemokraten, der Revolution und dem „Judentum“ verloren) hatten ihre Auswirkungen. Auch die Schleswiger sprechen von Armut nach dem Ersten Weltkrieg, von einer Krise in den Jahren 1918 bis 1923, dem Börsenkrach von 1929 mit folgender Massenarbeitslosigkeit und einer schon vorher kriselnden Landwirtschaft. Die Mehrheit der Bauern habe deutschnational und nationalsozialistisch gewählt. Die verschiedenen Parteien hatten ihre eigenen „Sturmtruppen“ – besonders gewalttätig seien die Auseinandersetzungen im Jahr 1932 gewesen, die im „Altonaer Blutsonntag“ gipfelten. Reichskanzler Franz von Papen setzte daraufhin die preußische Regierung ab, was rechtswidrig war, aber vollendete Tatsachen schuf, wie die Schleswiger Forscher darlegen: Oberpräsident wurde ein Deutschnationaler, die Polizeipräsidenten in Kiel und Altona und der Regierungspräsident mussten gehen. Die Folge: Bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 holten die Nazis in Schleswig-Holstein mit 51,1 Prozent die absolute Mehrheit, fast 14 Prozent mehr als im Reichsdurchschnitt. Auf Sylt bezogen heißt das: Nur die Ergebnisse in Rantum waren niedriger.

Vielleicht haben sich die Sylter vor der 1932er Wahl nicht geprügelt. Aber der Lauritzen-Website ist zu entnehmen, dass es in Morsum wie in anderen Inselorten je drei NSDAP-Veranstaltungen vor der Wahl gab, zusätzlich sogenannte Deutsche Abende; es ist von „deutschtümelnder Unterhaltung“ die Rede.

Der Publizist und Mäzen Jan Philipp Reemtsma hat, als er die Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht in Kiel eröffnete, auf ein Zitat verwiesen, das zuvor Hans-Jochen Vogel (SPD) verwendet hatte. Es stammt vom ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU): „Das deutsche Volk (…) hat sich fast widerstandslos, ja zum Teil mit Begeisterung gleichschalten lassen. Darin liegt seine Schuld.“ Und auch der Satz, man habe nichts von den Verbrechen der NS-Regierung gewusst, verfängt nach Adenauer nicht: „Man kann also wirklich nicht behaupten, dass die Öffentlichkeit nicht gewusst habe, dass die nationalsozialistische Regierung und die Heeresleitung ständig aus Grundsatz gegen das Naturrecht, gegen die Haager Konvention und gegen die einfachsten Gebote der Menschlichkeit verstießen.“ (Zitiert nach Gegenwind, Heft 125, Februar 1999, S. 41)

Wie gesagt, das letzte Mal wurde am 5. März 1933 halbwegs frei und demokratisch gewählt. In Morsum entschieden sich damals 81,4 Prozent für die NSDAP, im gesamten Reich 43,9 Prozent.
Die nächste Folge unserer Reihe wird sich mit der Aufrüstung – auch auf Sylt – auseinandersetzen.

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