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Die Fahrradunfälle auf Sylt häufen sich – mit einem Chirurgen im Gespräch

Wenn die Knautschzone fehlt

Foto: Bettina Dethloff Eva-Maria Häusler und Beat Witzemann aus Basel, hier am Lornsenweg. Das Rad ist auch im Alltag ihr Hauptverkehrsmittel, sie fahren damit bei jedem Wetter und immer mit Helm.

Von Bettina Dethloff

Insel Sylt. Die Sonne scheint, die Landschaft ist ein Traum, die kleine Familie radelt fröhlich den Dünenweg entlang nach List. „Wartet, ich mach schnell ein Foto!“, ruft die Mutter, bremst und wendet ihr Fahrrad. Die beiden Urlauber hinter ihr können nicht mehr bremsen, sie sind in hohem Tempo mit zwei E-Bikes unterwegs. Kurz danach werden drei Unfallopfer in die Nordseeklinik gebracht. „Unfälle, an denen Zweiräder beteiligt sind, passieren momentan leider häufig“, sagt Dr. Felix Hübner, Leitender Arzt der Chirurgie in der Asklepios Nordseeklinik Westerland. „Die Ursachen sind unter anderem ein zu hohes Tempo, Ablenkung und oft auch ein heftiger Seitenwind, den man unterschätzt hat.“Auch nach der Hauptsaison erholen sich noch zahlreiche Urlauber auf der Insel; das macht sich nicht allein auf den Straßen, sondern auch auf den Fahrradwegen bemerkbar.

Und die sind manchmal rutschig, manchmal uneben – und häufig sehr schmal. „Gerade ältere Menschen sind gern mit einem Elektrofahrrad unterwegs, weil sie damit größere Strecken schaffen als mit einem Rad ohne Hilfsmotor. Oft fahren sie dann viel schneller als ihre Konstitution es zulässt. Das kann schnell mal zu einem Kontrollverlust führen und somit zu Stürzen oder Kollisionen.“ Aufgrund der fehlenden Knautschzone sind die Folgen eines Fahrradunfalls häufig Frakturen, vorwiegend im Schulter-Armbereich, wie Schlüsselbeinbrüche, Schulterluxationen oder auch gebrochene Handgelenke, weil reflexartig ein Auffangversuch ausgelöst wird. Auch Verletzungen an der Hüfte, wie der gefürchtete Oberschenkelhalsbruch, landen regelmäßig auf dem OP-Tisch der hiesigen Chirurgen.

„Insbesondere bei gelenknahen Frakturen arbeiten wir meist mit dem sogenannten Nagelsystem“, erklärt Dr. Hübner. „Ein Metallstift (Marknagel) wird außerhalb des Gelenkes in das Knochenrohr eingebracht und stabilisiert die Bruchstellen. So können die Knochenbruch-Enden gut wieder zusammenwachsen. Diese Nägel bestehen heute nicht mehr aus Stahl, sondern vorwiegend aus Titan und können im Körper verbleiben, sofern sie den Betroffenen nicht stören.“ Sollte dies dennoch der Fall sein, werden sie nach einem Jahr wieder entfernt. „Dieser Eingriff ist weniger schwerwiegend als der erste“, betont der Mediziner. „Der Nagel wird auf demselben Weg entfernt, wie er hineingekommen ist. Wir vergleichen es manchmal scherzend mit ,Malen nach Zahlen‘.“

Nicht nur Biker, sondern auch Kitesurfer oder Skateboardfahrer stehen auf der Unfall-Rangliste recht weit oben. „Deutlich seltener als in den Vorjahren haben wir aber alkoholbedingte Treppenstürze oder Autounfälle“, weiß der Unfallchirurg zu berichten.
Und dann bricht der leidenschaftliche Radfahrer trotz der Unfallgefahr noch eine Lanze für die Radfahrer: „Ich will das Fahrradfahren natürlich keinesfalls schlecht machen. Jedes Auto, das nicht bewegt wird, macht die Insel attraktiver“, betont er. „Es macht einfach Spaß; während man sich an der frischen Luft fit hält, kann man die tolle Sylter Landschaft genießen! Ich vermeide dabei allerdings die Stoßzeiten, wenn man ständig anderen ausweichen muss.“

Damit sie nicht bei ihm in der Klinik landen, hat Dr. Hübner noch weitere Tipps für die Outdoorsportler auf zwei Rädern: „Fahren Sie den Wetter- und Verkehrsbedingungen angepasst und überschätzen Sie nicht Ihr Können. Wenn Sie mit einem Leihfahrrad durchstarten möchten, machen Sie sich vorher damit vertraut. Dies gilt vor allem, wenn Sie untrainiert sind.“ Schmunzelnd fügt er hinzu: „Vorsicht auch auf dem Deich am Rantum Becken. Dort ist es wunderschön, aber neben Bodensenken und Windböen könnte ein weiteres Risiko auftreten. Vor kurzem hat dort ein Schafbock eine Gruppe Radfahrer angegriffen.“

Wer also demnächst ein solches Exemplar sieht, sollte nicht darüber nachdenken, wer Vorfahrt hat, sondern besser rasch die Fahrtrichtung ändern, denn der Klügere gibt nach. Hauptsache, die Knochen bleiben heil.

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