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Auf Sylt war der Krieg erst eine Woche später zu Ende

Von grausamer Militärjustiz

Foto: Archiv Über den Hindenburgdamm (Foto), der damals noch eingleisig war, rollte am 15. Mai 1945 der erste britische Panzer auf die Insel. Damit war der Zweite Weltkrieg auf Sylt genau eine Woche nach seinem offiziellen Ende auch bei uns Geschichte.

Von Frank Berno Timm

Insel Sylt. Am 15. Mai 1945, schreibt Autor Frank Deppe in seiner Dokumentation „Die Stunde Null“, kam der erste britische Panzerwagen über den Hindenburgdamm auf die Insel Sylt gerollt. Damit war der Zweite Weltkrieg auf der Insel vorbei – genau eine Woche nach seinem offiziellen Ende.

Wer die Anfänge der NS-Zeit auf Sylt näher betrachtet, dem Bäder-Antisemitismus nachgeht, der Gewalt und dem Krieg, schließlich auch dem Umstand, dass Nazis oft auch nach 1945 in Amt und Würden kamen oder einfach in diesen Ämtern verblieben, der ist sicherlich entsetzt. Die Fakten, sagt die Westerländer Pastorin Anja Lochner, müssten klar benannt werden. Verschweigen gehe nicht, aber: „Was wären wir gewesen?“ Gemeint ist die Frage, ob wir Heutigen mutig gegen die Diktatur aufgestanden wären, oder ob wir mitgemacht hätten. Der Sylter Spiegel wird in einer losen Folge von Artikeln einigen Aspekten dieser Zeit nachgehen – nicht als Richter oder Verurteiler, sondern als Versuch, noch einmal wenigstens ein wenig Licht ins Dunkle zu bringen.

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Apropos Richter: Auch die Insel war Schauplatz jener Militärjustiz, die Ende der 1970-er Jahre dazu führte, dass der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Hans Filbinger (1913-2007), als gewesener Marinerichter durch den Schriftsteller Rolf Hochhuth enttarnt wurde. Und so wie Filbinger trotz aller Versuche, sich später zu rechtfertigen, für tödliches Urteilen verantwortlich war, passierte es auch auf Sylt: Gegen Paul Fromme und Franz Kwapil wurden am 23. April 1945 auf dem Gelände des heutigen Westerländer Campingplatzes zwei Todesurteile vollstreckt. Während, wie Klaus Bästlein schrieb, die Rote Armee sich von der Oder auf den Weg nach Berlin machte, die Amerikaner in Richtung Leipzig unterwegs waren, die Briten vor Bremen standen und das KZ Bergen-Belsen schon befreit war, ging die deutsche Militärjustiz gegen den gerade 20-jährigen Friedrich Rainer vor, der in der Nähe von Flensburg, vorher aus dem Husumer Armeearrest abgehauen, von einer Bäuerin denunziert und festgenommen worden war.

Sein „Vergehen“ war seine Freundin in Husum, zu der er „abhaute“, dann die Flucht Richtung Dänemark mit einem Kollegen.

Rainer wurde nach Sylt überstellt und auf unserer Insel von dem aus Süddeutschland stammenden Marinerichter Walter Muysers zum Tode verurteilt, Anklagevertreter war Hermann Buggele, der ursprünglich aus Österreich kam. Klaus Bästlein schreibt, beide seien keine fanatischen Nazis gewesen – genau das, was später von Hans Filbinger, der ebenfalls kurz auf Sylt agierte, behauptet wurde. Bästlein nannte das Todesurteil vom 14. April gegen Fromme juristisch zweifelhaft (selbst nach damaligem „Recht“) und arbeitete heraus, dass der „Gerichtsherr“, ein Kapitän zur See in Husum, es eigentlich gar nicht bestätigen durfte. Das war nur den oberen Chargen erlaubt, die allerdings nicht greifbar waren. Friedrich Rainer wurde in einer Senke südlich von Westerland am 16. April 1945 erschossen, nur einen knappen Monat vor der Ankunft der ersten britischen Soldaten auf Sylt.

Man mag sich gar nicht ausmalen, was die 20.000 Todesurteile, die von den Armeerichtern während des Zweiten Weltkriegs gefällt wurden, an menschlichem Leid bedeuteten. Und völlig zurecht kritisierte Bästlein am Ende seines Aufsatzes, dass Ende der 1970-er Jahre in Flensburg – mitten im Kalten Krieg und ohne jegliche Rechtsgrundlage – Militärjustiz „geprobt“ wurde.
Die nächste Folge unserer Reihe geht an den Anfang zurück. Wie etablierte sich die NSDAP auf Sylt? Und warum erzielte sie bei der letzten einigermaßen freien Wahl so viele Stimmen?

Unser freier Mitarbeiter Frank Berno Timm entnahm den Aufsatz von Klaus Bästlein vor einigen Wochen dem Sylter Archiv in Zusammenarbeit mit der Leiterin des Archivs, Elisabeth Westmore

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