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Stolperstein für Niko Ehlers verlegt

Vom Wert der Erinnerung

Foto: Frank Berno Timm Vor dem Sylter Rathaus fand die Verlegung des Stolpersteins statt.

Westerland.(fbt) Ins Pflaster ist ein Loch gebohrt. Günter Demnig schaufelt vorsichtig Zement hinein, um den neuen Stolperstein vor dem Rathaus zu befestigen. Dann ein paar Schlucke Wasser aus der Kanne, wieder Zement. Demnig kniet erst auf dem Boden, dann steht er auf, noch ist der Stein, der an den einstigen SPD-Politiker und KZ-Überlebenden Niko Ehlers erinnern soll, nicht ganz ins Pflaster eingemauert.

Es ist der vergangene Mittwoch, neben dem Rathaus ist Markt, Touristen und Sylter sind unterwegs, sie beachten die kleine Gruppe, die sich da am Rathaus versammelt hat, kaum. Bürgervorsteher Peter Schnittgard (CDU) spricht, bekennt sich ausdrücklich zu dem im vorigen September in der Gemeindevertreung gefassten Beschluss, dem einstigen SPD-Fraktionsvorsitzenden Nikolaus Peter Ehlers, der zuvor das KZ Sachsenhausen überlebt hatte, einen weiteren Stolperstein zu widmen, 20 gibt es schon auf Sylt. Die ersten kamen 2007, weitere folgten 2009. Ehlers (geboren 1906), nach Krieg und überlebter KZ-Haft über Dänemark nach Westerland zurückgekehrt, wird Gemeindevertreter und der schärfste Kritiker des früheren Westerländer Bürgermeisters Heinz Reinefarth, der die Verwaltung von 1951 bis 1964 leitete. Reinefarths Vergangenheit wurde 1957 gerade aufgedeckt. Dieser Mann war einer der Hauptverantwortlichen für die Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto im Jahr 1944.

Schnittgard betonte, wie wichtig Erinnerung ist: Die „kurzen, schmerzlichen Texte auf den Stolpersteinen“ (Schnittgard) gedenken Menschen, die verfolgt, verschleppt und umgebracht wurden – mit dem Namen, dem Geburts- und Sterbedatum und den Orten.

Marianne Nielsen, die Tochter des bei einem Autounfall gestorbenen SPD-Politikers, berichtet, ihr Vater sei nach einer Aufforderung Willy Brandts an die Emigranten im Jahr 1946, nach Deutschland zurückzukehren, aus Dänemark wieder gekommen. Von den Erinnerungen an den Vater blieb, so scheint es, nicht viel außer zwei Briefen: „Als Erwachsener hätte ich gerne mit ihm darüber gesprochen.“ In Dänemark hatte Ehlers zuvor mit Flüchtlingen gearbeitet, 250.000 Deutsche seien dort gewesen. Ehlers‘ Tochter ist noch heute entsetzt, dass Reinefarth trotz der Anschuldigungen in den schleswig-holsteinischen Landtag gewählt wurde. Die Aufarbeitung der Nazizeit habe ja erst nach dem Auschwitz-Prozess richtig begonnen, findet sie, „Deutschland macht das sehr gut!“
Gerd Nielsen (SPD-Fraktion) würdigt die Arbeit von Günter Demnig, der in ganz Europa 77.000 Stolpersteine verlegt hat: Nielsen nennt es das größte dezentrale Kunstobjekt in Europa.
Neben den vielen Dankesworten an diesem Vormittag können die Zuhörer auch darüber etwas erfahren, wie viele Widerstände es nach dem Krieg dagegen gab, eben nicht zu vergessen.
Peter Hess (Hamburg), Koordinator des Projekts Stolpersteine, erinnert daran, dass sich Heinz Reinefarth mit einer Verleumdungsklage gegen die Vorwürfe wehrte und verlangte, dass sich die Stadtvertretung dem anschloss. Die SPD habe sich enthalten, Ehlers versuchte vergeblich, die Beurlaubung des Bürgermeisters durchzusetzen. Selbst in der eigenen Partei sei er auf Widerstände gestoßen. Am 24. Februar 1958 legte er alle Ämter nieder.

Peter Hess fragt, wie man das erklären kann. Reinefarth habe Westerland als Bürgermeister nach vorne gebracht, die SPD unterstützte ihn dabei, man fürchtete, der gute Ruf werde aufs Spiel gesetzt. „Verdrängen und Vergessen war die Grundstimmung“.

Zuletzt spricht Günter Demnig, alles andere als routiniert: „Der Hintergrund des Projekts ist kein Grund zur Freude“, stellt er klar. Er würdigt unter anderem das Interesse von Schülern: Für die wären sechs Millionen ermordete Juden und weitere acht Millionen umgebrachte Menschen eher abstrakt; die Stolpersteine viel konkreter. Der Künstler berichtet, dass immer mehr Angehörige zu den Verlegungszeremonien kommen. Ein in England lebender Nachkomme habe ihm gesagt, er fahre mit einem anderen Bild von Deutschland nach Hause.

In 20 Jahren, berichtet Demnig, habe er drei Morddrohungen bekommen: „Damit kann man leben.“ Und er erinnert sich an einen Hauptschüler, der gesagt habe, man falle nicht über den Stein, „aber man stolpert im Kopf und im Herz“.

Dann legen die Anwesenden Blumen an der kleinen Baustelle nieder. Kein Zweifel: Mit dem Stolperstein für Niko Ehlers ist das Sylter Gedenken vollständiger geworden. Aufhören wird es nicht.

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