Die Manfred Degen Kolumne
Mit dem NDR in List #32/2025
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Irgendwann – es ist schon eine Weile her, rief der Lister Kurdirektor bei mir an und sagte: „Hör‘ mal, Gründonnerstag ist das Frühstücksfernsehen bei uns im Hafen. Die machen drei Stunden Live-Programm, Sylt und Ostern und so… Hast du Lust, da mitzumachen? Du sollst eineinhalb Minuten was Lustiges über’s Wetter auf Sylt sagen. Aber erzähl’ keinen Scheiß. Sag’ auf keinen Fall, wie’s wirklich ist. Hähähä…“
Die Sendung lief von 6 Uhr noch im Dunkeln (!) bis 9 Uhr. Jeden Tag. Von Irgendwo – Entertainment und Informationen. Diesmal also von List.
Der Redakteur vom NDR gab mir telefonisch die Richtung vor: „90 Sekunden – und nicht versabbeln. Möglichst irgendwie lustig, keine Beleidigungen und keine politischen Statements. Immer mal zwischendrin lächeln. Ganz wichtig: Die Schlusspointe nicht vermasseln.“ Er erschrak über sich selbst: „Sie haben doch eine Schlusspointe, oder…?“
Kein Ding das. Ich also am Abend des vorösterlichen Medien-Massakers den Wecker auf 5 Uhr gestellt. Tüchtig unruhig geschlafen, von Dauerregen geträumt und vom Kachelmann, der mir Sand in die Augen streut. Des Morgens karg gefrühstückt. Das Auto ist angesprungen. Immerhin. Das wird mein Tag!
Ab nach List. Parkplätze ohne Ende. Naja, sechs Uhr 30, kein Wunder. Der Regisseur wedelte schon aufgeregt herum: „…wo bleiben Sie denn? Zeigen Sie mal her.“
Er überflog mein Manuskript und sagte: „Is’ okay. Gehen Sie mal in die Maske dahinten.“
Alles klar. Damit kannte ich mich ja ganz gut aus. Bei 10 Tausend Watt Scheinwerfer-Leistung will man nicht wie eine Speckschwarte glänzen. Und bei allen meinen Schminkterminen vor meinen jämmerlichen drei Fernsehauftritten hatte ich jedesmal schrille, prominente Nachbarn am Puderspiegel.
Bei einer NDR-Livesendung aus Hörnum saß Eva „Autobahnen geht gar nicht“ Braun-Herman neben mir. Sie schrieb ja Fernsehgeschichte, als sie von Kerner aus seiner Livesendung gefeuert wurde. „Eva, Du find’st den Weg doch wohl alleine…“
Ich fand sie echt nett, so ’ne niedliche Stupsnase. Und kurz darauf ist sie dann ins Reichsbürger-Milieu abgedriftet. Ärgerlich. Aber ich konnte nix dafür.
Und jetzt – geht da überhaupt noch mehr – wer hockt da neben mir in der NDR-Schmink-Butze? Jürgen Gosch! „Jönne, was machst du denn hier…?“
„Ich weiß’ auch nicht. Ich soll irgendwas sagen über Matjesbrötchen und Krabbenpuhlen. Und nicht länger als eineinhalb Minuten. Ja – wie lange ist das denn…?
Okay, wir frischgepudert raus an die frische Luft. Jürgen Gosch kam gleich dran, erzählte von Gott und der Welt und verlaberte sich total. Der Regisseur verrollte schon die Augen und ließ ihn dann Sekunden vor den Nachrichten von vor der Kamera wegzerren.
Dann ich ins grelle Licht und erzählte, dass wir auf Sylt immer 15 Grad hätten. So ungefähr. Damit seien wir im Januar der wärmste Ort in Deutschland und im Sommer dann halt der Kälteste – noch vor der Zugspitze. Wenn auf Sylt Regen, dann von der Seite und wer bei 9 Windstärken aus Nord nach List radeln wolle, der würde von den Naturgewalten schon mal rückwärts nach Hörnum geschoben. Warum nicht. Ist ja auch schön da.
„Hähähä…“ Tusch. Abgang. Dann kam Kachelmann. Der gab mir natürlich Recht.
Der Regisseur wollte mich gerade verabschieden. Doch nun passierte Folgendes: Einem Freund, der beim NDR in Hamburg knechtete, hatte ich von meinem frühmorgendlichen Engagement erzählt. Er fragte mich, was es denn dafür gäbe. Ich erstaunt: „Äh – wie – was? Geld, richtiges Geld…?“
„Ja natürlich“, meinte er, „Du bist doch kein Dorfpolitiker oder Vereinsmeier, der interviewt wird. Du performst. Das ist eine Kulturanstrengung. Da musst du schon aus Solidarität mit allen anderen Künstlern ein Honorar einfordern“.
„Hm“, meinte ich, „was nimmt man denn da so…?“
„Nun ja“, rechnete er, „das wird bundesweit ausgestrahlt, dann einen Frühzuschlag und das über 90 Sekunden – das ist ja eine halbe Ewigkeit. Ich würde sagen, 500 Mark sind dafür gerechtfertigt.“
Der Regisseur wollte nach der flüchtigen Verabschiedung gerade abdrehen, da meinte ich: „…und wo gibt‘s das Geld…?“
Er stoppte abrupt, drehte sich um und fragte mit Staunegesicht: „Geld…???“
„Ja, meine Gage für mein Entertainment.“
„Hm. Ja. Warum nicht…? An wie viel hätten Sie denn da gedacht?“
„Ja nun – nun ja, was halten Sie denn von 500 Mark? Da sind dann alle Rabatte drin.“
„Alles klar, okay, da im Wagen 3 sitzt unser Zahlmeister. Sagen Sie ihm, ich hätte gesagt, das sei in Ordnung so.“
Ich also in den Wagen 3 gewackelt, der Typ dort wehrte sich kaum und hat mir grollend das wahre Bare hingeblättert wie einst der Viehhändler auf dem Schweinemarkt. Ich raffte das Geld zusammen – es entsprach ungefähr meinen Jahres-Rundfunkgebühren – und bin fröhlich pfeifend – der aufgehenden Sonne entgegen – nach Hause gerollt. Ostern war gerettet.
Unterwegs kaufte ich noch frische Brötchen, kochte dann Kaffee, deckte den Frühstückstisch und weckte meine Frau: „Schatzi, du kannst aufstehen – wir sind jetzt reich!“
Geschrieben von: Manfred Degen / veröffentlicht am: 15.12.2025











