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Eine Kurzgeschichte von Bettina Dethloff

Mama, Sylt nimmt mich!

Foto: Bettina Dethloff Stefanie mit Maskottchen „Molly“ am Tag der offenen Tür in der Nordseeklinik.

„Mama, Sylt nimmt mich!“ Aufgeregt überbrachte die junge Österreicherin Stefanie Krenmayer ihrer Mutter die gute Nachricht. Mehrere Rehabilitationsklinken hatten ihr eine Absage geschickt, denn die junge Frau würde schweres Gepäck mitbringen: Eine transplantierte Lunge und die Erkrankung Mukoviszidose.

Nun durfte sie nach Sylt. Die Rehamaßnahme in der Nordseeklinik war von Erfolg gekrönt, die guten Werte der Nachuntersuchung und das Befinden der Patientin ließen die behandelnden Ärzte im Allgemeinen Krankenhaus Wien staunen.
So kam sie ein Jahr später erneut nach Sylt, und wir hatten einen Interviewtermin, den sie mit den Worten abschloss: „Schade, dass ich mein Fahrrad hier nicht unterbringen kann.“
„Das Fahrrad kann bei mir wohnen“, erklärte ich spontan, wir würden schon irgendwo einen Platz freimachen können.
„Cool“, erklärte Stefanie. „Dann kann es hier auf mich warten.“

Ein weiteres Jahr später brauchten wir noch eine Unterbringungsmöglichkeit, und zwar für Stefanies Eltern. Aufgrund einer kleinen Not- OP, bedingt durch die Mukoviszidose, durfte sie ihren geplanten Flug nicht antreten. Die Eltern brachten sie über Nacht mit dem Auto her, 1100 km mussten sie dazu fahren.

Sie kamen bei meiner Nachbarin unter, mussten aber kurzfristig wieder zurück, da beide berufstätig sind. Stefanie arbeitete ihren prallen Therapieplan ab, ging in der freien Zeit häufig ans Meer und am Jahrestag der Transplantation in die Kirche, um für ihren Organspender eine Kerze anzuzünden.

Am Wochenende nahm sie trotz schlechtem Wetter auf Amrum am sogenannten „Mukolauf“ teil, um Spenden für andere Betroffene zu sammeln.
Zudem sorgte die junge Sonderschul-Pädagogin dafür, dass Schaf „Molly“ regelmäßig Briefe an ihre Schüler schrieb, denn die Jungs und Mädels hatten ihr das Plüschtier als Maskottchen mit auf die Reise gegeben.
Zum zweiten Mal arbeiteten wir gemeinsam an einem Artikel. Am Abreisetag kam das rote Fahrrad wieder in unseren kleinen Schuppen, und wir verabredeten, dass ich sie gegen Abend zum Flughafen fahre. Der Weg war ja nicht weit.
Ihre Mutter hatte sich um ein Attest gekümmert, um den Ausfall des Hinflugs zu erklären, und ihrer Tochter eine Bestätigung des Rückflugs von Sylt nach Salzburg geschickt. Die Mühe war vergebens.
Da Stefanie den Hinflug nicht angetreten hatte, wäre der Rückflug verfallen, so die Auskunft beim Check-In. Irgendwo war offenbar eine Information hängen geblieben. Stefanie erhielt Telefonnummern von Hotlines der beiden beteiligten Fluggesellschaften, doch sie wurde immer weiter verwiesen. Sie (und später auch ich) telefonierten länger als eine Stunde lang mit diversen Menschen, die ohne Ausnahme die Zuständigkeit auf jemand anderen schoben.

Sie nahmen sie nicht mit. Die Koffer kamen wieder ins Auto und Stefanie mit zu mir. Eine leichte Panikwelle überkam mich. Es ist ganz sicher nicht dreckig bei mir, aber dass völlig unvorbereitet ein Gast bei mir wohnen würde, der Medikamente zur Unterdrückung der Immunabwehr nahm, verunsicherte mich. Wir haben einen Hund. Und wir haben im Sommer „viel Leben in der Bude“. Also wollte ich schnell eine Runde putzen.
Ausgerechnet heute Abend musste ich jedoch eine Lesung in der Rehaklinik geben.

Um sich ein wenig zu beruhigen, lief Stefanie schon mal zu Fuß dorthin.

Ich rannte derweil mit Putzlappen bewaffnet durch das Haus, interessiert verfolgt von zwei dunklen Hundeaugen. Fieberhaft reinigte ich das Badezimmer, obwohl ich das erst vor kurzem gemacht hatte, desinfizierte Türklinken und Lichtschalter, bezog das Bett im kleinen Gästezimmer, das sonst meine „Kieler Kinder“ bewohnen und machte mich energisch auf die Jagd nach Hundehaaren.

Die Zeit rannte genauso schnell wie meine Beine, der Lesungsbeginn nahte. Ich sprang unter die Dusche, nachdem ich Stefanie gebeten hatte, die ersten Gäste im Veranstaltungsraum zu empfangen. Sie erklärte ihnen auch, warum sie das tat und nicht die Autorin.
Wenige Minuten später eilte ich in die Klinik und rauschte mit wehenden Haaren in den Saal. Außer mir waren alle total entspannt.

Ich berichtete vom „Erlebnis Stefanie“, dass sie selbst unter uns war, machte die Sache natürlich noch interessanter. Es wurde eine nette Veranstaltung mit anschließenden Gesprächen, entsprechend spät kehrten wir heim. Als ich um Mitternacht aus dem Bad kam, saß mein Besuch am Telefon diskutierend im Schneidersitz auf dem Bett, mit hochroten Wangen. Danach erklärte sie: „Ich glaube, meine Mutter hat einen Nervenzusammenbruch. Sie sagt, wenn das wieder nicht klappt mit dem Flug, könnte ich gleich ganz auf meiner Insel bleiben. Sie würden die Strecke nicht schon wieder fahren.“

Vor der Zeugnisausgabe lagen noch zwei Unterrichtstage, die durfte sie nicht versäumen. Am nächsten Tag musste eine Lösung her.
Sie bekam einen (sehr teuren) Flug bis München am folgenden Abend. Erneut brachte ich sie zum Flughafen und wartete, bis sie durch die letzte Kontrolle ging. Fröhlich winkte sie mir zu und rief „Danke für alles!“ Ich blieb stehen, bis der Flieger abhob.
Als ich nach Hause kam, witzelte mein Lebensgefährte leise: Na, bist du sie diesmal losgeworden?“

Die Eltern holten Stefanie mit dem Auto in München ab, mitten in der Nacht waren sie zuhause und Stefanie wenige Stunden später in ihrer Schulklasse. Wir sind in Kontakt geblieben. Das rote Fahrrad allerdings bleibt diesen Sommer ungenutzt. Eine Reise kommt für Stefanie aufgrund der Infektionsgefahr nicht infrage. Aber ihr Zweirad steht wohlbehütet zwischen unseren und wird geduldig auf seine Besitzerin warten.

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