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Krisentreffen mit Ministerpräsident und Wirtschaftsminister:

Land verschärft Druck auf die Bahn

Foto: MWVATT WiMi

Sylt/Kiel. Nach einem eindringlichen Hilferuf von Sylter Betriebsräten und Vertretern der Wirtschaft hat es in der Kieler Staatskanzlei ein kurzfristig anberaumtes Krisentreffen gegeben. Ministerpräsident Daniel Günther und Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen empfingen Betriebsräte von der Insel sowie Vertreter der Sylter Wirtschaft, um über die anhaltenden Probleme auf der Marschbahn zu beraten und konkrete nächste Schritte zu verabreden. Im Mittelpunkt standen die täglichen Verspätungen, Zugausfälle und massiven Beeinträchtigungen für Pendler und Gäste. Die Hauptrolle hatten bewusst die Vertreter der Personalräte, die sehr deutlich die Sicht der Beschäftigten schilderten. Als Vertreter der Sylter Wirtschaft waren Moritz Luft von der Sylt Marketing Gesellschaft und Raphael Ipsen als Vertreter der Vereine Sylter Unternehmer und Dehoga Sylt in Kiel.

Bahn alternativlose Lebensader der Insel
Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen machte nach dem Gespräch deutlich, wie stark die Lage inzwischen in den Alltag der Insel hineinwirkt. Personalräte berichteten, dass Beschäftigte von Krankenhäusern ihre Schichten wegen Zugausfällen oder Verspätungen nicht rechtzeitig erreichen und Lehrkräfte nicht pünktlich zum Unterricht erscheinen können. Viele Beschäftigte suchten sich inzwischen Stellen auf dem Festland.
Zudem wurde deutlich, dass nicht nur Beschäftigte auf Sylt betroffen sind, sondern auch zahlreiche Pendler von der Insel zum Festland. Dazu gehören zum Beispiel Schüler und Berufsschüler, die auf dem Festland zur Schule gehen, zu Prüfungen müssen oder Blockunterricht haben und auf pünktliche Verbindungen angewiesen sind.
Madsen betonte, man werde in Berlin noch einmal sehr klar platzieren, dass die Bahn faktisch die einzige Möglichkeit sei, die Insel regelmäßig zu erreichen. Es gehe nicht nur um Tourismus und Steuereinnahmen, sondern vor allem um die Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort.

Günther will direkt mit DB-Chefin sprechen
Ministerpräsident Daniel Günther kündigte an, innerhalb der nächsten Wochen ein direktes Gespräch mit der neuen DB-Chefin Evelyn Palla zu führen. Dort sollen die Probleme der Marschbahn noch einmal auf höchster Ebene adressiert werden. Gleichzeitig werde das Land die Bundesnetzagentur einschalten, um prüfen zu lassen, ob Autozugbetreiber in bestimmten Situationen verpflichtet werden können, Trassen freizugeben.
Notfalls müsse die Zahl der Zugverbindungen und Trassen auf der Strecke reduziert werden, sagte Günther. Ziel sei es, Puffer im Fahrplan zu schaffen, damit Verspätungen bei Störungen schneller abgebaut werden können. Die Bahn müsse parallel dafür sorgen, ihre Infrastruktur robuster zu machen. Gefordert werden mehr Instandhaltungspersonal, mehr Ersatzmaterial vor Ort und eine andere Prioritätensetzung bei der Wartung.

Brief zur Netzagentur belegt Ernst der Lage
Wie ernst die Landesregierung die Situation nimmt, zeigt auch ein Schreiben des Wirtschaftsministeriums an die Bundesnetzagentur vom 2. Dezember 2025, adressiert an Vizepräsidentin Dr. Daniela Brönstrup in Bonn. Darin wird die Marschbahn zwischen Hamburg-Altona und Westerland als Verbindung von herausragender Bedeutung bezeichnet. Der Abschnitt Niebüll bis Westerland sei für Pendler und Touristen die einzige landseitige Verbindung, im Individualverkehr gebe es keine Ausweichmöglichkeit.

In dem Schreiben heißt es, für das tägliche Leben auf Sylt sei ein verlässlicher Schienenpersonennahverkehr von existenzieller Bedeutung. Im Oktober 2025 habe die Pünktlichkeitsquote auf dem Abschnitt Niebüll bis Westerland jedoch nur bei 48,2 Prozent gelegen. Bereits 2010 sei die Strecke von der Deutschen Bahn als überlasteter Schienenweg eingestuft worden. Ein Plan zur Erhöhung der Schienenwegkapazität liege zwar vor, dennoch führten geringe Pufferzeiten und die Verknüpfung der Fahrtrichtungen im eingleisigen Abschnitt dazu, dass sich schon kleine Verspätungen zu erheblichen Folgeverspätungen aufschaukeln.

Das Land verweist in dem Brief ausdrücklich auf Paragraf 62 Eisenbahnregulierungsgesetz. Dieser sieht vor, dass der Betreiber der Schienenwege bei Störungen alle erforderlichen Maßnahmen treffen muss, um die Situation zu normalisieren und in Notfallsituationen auch zugewiesene Zugtrassen vorübergehend sperren kann. Vor diesem Hintergrund regt Schleswig-Holstein an, nach Störungen einzelne Trassen der Autozüge temporär herauszunehmen oder zeitlich zu verschieben, um den Schienenpersonennahverkehr schneller wieder pünktlich verkehren zu lassen. Zudem wird angeregt zu prüfen, ob im Regelbetrieb in einzelnen Stunden außerhalb der Hauptverkehrszeiten weniger als vier Trassen pro Richtung belegt werden sollten, um zusätzliche Puffer zu schaffen.
Das Ministerium für Wirtschaft bittet die Bundesnetzagentur in dem Schreiben um einen zeitnahen Austausch zu diesen Punkten, um spürbare Verbesserungen zu erreichen.

Schnelle Eingreifgruppe und Ersatzteile an der Strecke
In Kiel wurde deutlich gemacht, dass es zwar bereits Maßnahmen gegeben hat, diese aber nicht ausreichen. Ein Vorschlag aus dem Land ist der Aufbau einer schnellen Eingreifgruppe entlang der Strecke. Diese Einheit soll im Störungsfall kurzfristig eingreifen können, um technische Defekte wie Stellwerksprobleme oder Signalstörungen zügig zu beheben. Auch wenn die Pünktlichkeitswerte dadurch nicht sofort auf 90 Prozent steigen, würde jeder zusätzlich pünktliche Zug den Alltag vieler Betroffener spürbar erleichtern.
Dabei schließt das Land ausdrücklich den Einsatz von Fremdfirmen ein. Nach dem Vorbild des Winterdienstes beim Landesbetrieb Verkehr in Schleswig-Holstein könnte die Deutsche Bahn neben eigenem Personal auch externe Dienstleister beauftragen, die gegen eine Bereitschaftsvergütung im Ernstfall schnell zur Verfügung stehen.

Eng damit verbunden ist die Forderung nach besserer Wartung der bestehenden Anlagen und einer klugen Lagerhaltung. Die wichtigsten und immer wieder ausfallträchtigen Ersatzteile sollen direkt an der Strecke vorrätig sein, damit Störungen nicht durch Lieferzeiten zusätzlich verlängert werden. Niemand erwarte ein komplettes zweites Netz im Lager, aber die zentralen Komponenten müssten verfügbar sein.

Druck über die Bundesnetzagentur
Ein weiterer Punkt, der in Kiel ausführlich angesprochen wurde, ist die extrem hohe Auslastung der Strecke zwischen Niebüll und Sylt. Die Trasse ist faktisch vollständig belegt, schon kleinere Verspätungen setzen eine Kettenreaktion in Gang. Die Landesregierung sieht hier die Bundesnetzagentur in der Pflicht.

Die freiwilligen Gespräche mit den Verkehrsunternehmen seien weitgehend ausgereizt, da diese im eigenwirtschaftlichen Verkehr mit jeder Fahrt Geld verdienen und wenig Anreiz haben, freiwillig auf Trassen zu verzichten.

Mit dem nun bekannt gewordenen Schreiben nach Bonn und den politischen Zusagen aus der Staatskanzlei erhöht Schleswig-Holstein den Druck, die gesetzlichen Möglichkeiten der Regulierung auszuschöpfen.

Es geht darum, in Spitzenzeiten und besonders bei Störungen Autozugtrassen vorübergehend herauszunehmen und so wieder Luft im Fahrplan zu schaffen.

Zweigleisiger Ausbau bleibt das große Ziel
Sowohl Günther als auch Madsen stellten klar, dass die Engpässe langfristig nur durch einen vollständigen zweigleisigen Ausbau der Strecke zwischen Niebüll und Westerland behoben werden können.

Schleswig-Holstein finanziert nach eigenen Angaben seit Jahren auf eigene Kosten Vorplanungen für diesen Ausbau vor. Dies ist für ein Bundesland eher ungewöhnlich und zeigt den politischen Willen, die Sache zu beschleunigen.

Gleichzeitig machten die Vertreter des Landes deutlich, dass dies ein sehr langwieriger Prozess ist. Bis zur Umsetzung der großen Lösung brauche es deshalb ein Bündel kurzfristiger und mittelfristiger Maßnahmen, damit der Betrieb auf der Marschbahn wieder verlässlicher wird.

Marschbahn-Gipfel im März
Für Anfang März kommenden Jahres kündigte der Ministerpräsident einen weiteren Marschbahn-Gipfel an der Westküste an. Dazu sollen neben Verantwortlichen der Deutschen Bahn auch Vertreter des Bundesverkehrsministeriums eingeladen werden. Zusätzlich ist ein Treffen in Berlin geplant, bei dem die Situation der Marschbahn und die besondere Lage der Insel Sylt den zuständigen Abgeordneten noch einmal deutlich vor Augen geführt werden soll.

Für die Menschen auf Sylt und entlang der Strecke bleibt entscheidend, ob den Zusagen aus Kiel und den Signalen an die Bundesnetzagentur nun spürbare Verbesserungen folgen.

Klar ist schon jetzt, dass die Marschbahn längst nicht mehr nur ein technisches Thema ist, sondern eine Frage der Daseinsvorsorge und der Zukunftsfähigkeit der Insel.


Geschrieben von: Redaktion / veröffentlicht am: 09.12.2025
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