Interview mit Manfred Gerth, Obermeister der Baugewerke- und Tischler-Innung Syl

„Volle Auftragsbücher, aber...“

Foto: © oh / Sylter Spiegel GmbH

Tischlermeister Manfred Gerth schätzt an seinem Beruf die kreative Komponente und das vielseitige und abwechslungsreiche Betätigungsfeld.

Wed, 01. Aug 2018
Sylt

Das deutsche Handwerk zeichnet sich nicht nur durch hervorragende Qualität und exzellente Karriereperspektiven aus, sondern auch durch eine unglaubliche Vielfalt unterschiedlicher Berufsbilder – auch auf Sylt. Die große Mehrzahl der Betriebe gibt ihr Wissen an junge Männer und Frauen gerne weiter. In der heutigen Ausgabe des Sylter Spiegels gibt Manfred Gerth, Obermeister der Baugewerke- und Tischler-Innung Sylt sowie Inhaber der Bauund Möbeltischlerei Keitum, Einblick in den Beruf des Tischlers und erklärt, worauf es in diesem Beruf ankommt. 

Herr Gerth, wie hat sich das Berufsbild des Tischlers in den vergangen Jahren gewandelt?
Der maschinelle und digitale Fortschritt hat natürlich auch in unserem Gewerk Einzug gehalten. Technische Zeichnungen werden heute mit CAD-Programmen am Computer erstellt. In vielen Tischlereien übernimmt die CNCTechnologie immer häufiger den exakten und präzisen Zuschnitt der Bauteile. Wichtig ist aber, dass Tischler Zeichnungen und Zuschnitt auch noch von Hand beherrschen. Und das abstrakte und kreative Denken nimmt uns ohnehin keine Maschine ab. Entscheidend ist eine gute Mischung aus der Anwendung neuer Technologien und Programmen und dem klassischen handwerklichen Können. 

Wie sieht die Nachwuchssituation im Tischlerhandwerk momentan aus?
Die Zahlen sind insgesamt rückläufig. Das liegt zum einen daran, dass die potentiellen Auszubildenden heute deutlich länger zur Schule gehen. Zum anderen sind die Geburtenjahrgänge ebenfalls rückläufig, weshalb der Gesamtpool, aus dem wir rekrutieren können, natürlich kleiner wird. 

Wie wird das in ihrem persönlichen Berufsalltag deutlich?
In unserer Innung hatten wir früher fünf bis sechs Gesellenprüflinge, heute sind es noch drei bis vier.

Was können die Betriebe tun, um für potentielle Auszubildende attraktiv zu sein?
Zuerst möchte ich an alle Betriebe appellieren, weiter auszubilden. Ich weiß, dass es Betriebe gibt, die ein Stück weit resigniert haben, weil ihnen die Leute fehlen und die, die sie selber ausgebildet haben, den Betrieb schnell wieder verlassen. Und dann fehlen den Betrieben oft die Fachkräfte.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Es ist mittlerweile so, dass die Gesellen, die das Zeug für eine Meisterausbildung haben, direkt im Anschluss an ihre Ausbildung auf die Meisterschule gehen können. Früher mussten sie erst drei Jahre Geselle sein, bevor dieser Schritt möglich war. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Die Weiter- und Fortbildung ist wirklich jedem zu empfehlen, aber für die Betriebe ist der Wegfall eines gut ausgebildeten Mitarbeiters direkt nach der Ausbildung einfach nicht so leicht zu kompensieren. Da fehlen dann manchmal einfach die Fachkräfte. 

Welche weiteren Weiterbildungsmöglichkeiten neben dem Meister gibt es für Tischler?
Neben der Meisterausbildung gibt es auch noch die Möglichkeit, eine Holztechnikerfortbildung zu absolvieren. Der Meister berechtigt übrigens auch zum Hochschulstudium, beispielsweise der Architektur. 

Das sind exzellente Perspektiven. Was sollten denn die Betriebe tun, um attraktive für potentielle Auszubildende zu sein?
Die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Deshalb ist ja ein gutes und ausreichend großes Team nötig, um die Arbeit auch bewältigen zu können. Aber ebenso wichtig sind natürlich auch ein gutes Arbeitsklima und ein gut zusammengestelltes Team, das sich untereinander versteht und ein gutes Verhältnis hat. Dafür muss man ein gutes Auge und Gespür haben, wer ins Team passt. In unserem Betrieb ist es so, dass ich immer Teams bilde, in dem ein erfahrener Mitarbeiter mit einem weniger erfahren Kollegen zusammenarbeitet. Damit stellt sich schnell der Lernerfolg ein und wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht. 

Was ist sonst noch wichtig?
Die Arbeit soll natürlich auch Spaß machen. Deshalb sind auch gute und attraktive Aufträge wichtig. Da haben wir gerade hier auf Sylt vielseitige und anspruchsvolle Tätigkeiten, vor allem im Bereich des Innenausbaus. Darüber hinaus bedarf es auch guter Maschinen und Werkzeuge.

Was würden Sie jungen Menschen raten, die sich für eine Ausbildung im Tischlerhandwerk interessieren?
Sie sollten sich frühzeitig um ein Praktikum bemühen, das mindestens über zwei Wochen laufen sollte. Hierbei können Schüler und Betrieb erkennen, ob der Beruf zum Schüler passt und der Schüler zu Betrieb.

Welche Fähigkeiten sollten sie mitbringen?
Wichtig sind Mathematikkenntnisse, räumliches Denken, Sorgfalt, Genauigkeit und natürlich Kreativität.

Warum haben Sie sich damals für den Beruf entschieden?
Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich mich kreativ einbringen kann und muss. Zudem sieht man am Ende, was man erbaut hat. Das ist ein schönes Gefühl.