Deutschlands älteste Fluglinie

Vor 100 Jahren: Sylt war das Ziel

Auf dem Foto am Flughafen Sylt zu sehen (v.l.): Peter Siemiatkowski und Mitarbeiter Jürgen Meyer-Brenkhof.

Sa, 28. Dez 2019
Sylt

Westerland.(sc) Wer an Sylt denkt, dem fallen sofort das Meer und die Dünen ein – Flugzeuge kommen höchstens denen in den Sinn, die wegen der nicht ganz einfachen Anreise mit der Bahn auf eine der zahlreichen Linienflugverbindungen auf die Insel ausgewichen sind. Dabei gehört der Sylter Flughafen zu denen mit der längsten Linienflug-Tradition Deutschlands.

Die erste Luftfahrtgesellschaft, die den Sylter Flughafen regelmäßig ansteuerte, war die Deutsche Luftreederei, ein Vorläufer der heutigen Lufthansa: 1919 nahm sie die Strecke Berlin–Hamburg–Sylt als zweite Deutsche Linienflugverbindung nach der Strecke Berlin – Weimar auf. Letztere wurde 1921 nach nur zwei Jahren wieder geschlossen, weil sie sich nicht rentierte. Der Sylter Flughafen wird jedoch – mit einer Zwangspause während des Zweiten Weltkriegs – bereits seit 100 Jahren für regelmäßige Passagierflüge genutzt und ist damit Ziel der ältesten Fluglinie Deutschlands. Drei bis fünf Personen beförderten die Flugzeuge damals pro Flug auf die Insel – insgesamt 2.560 Fluggäste im Jahr 1925.

Heute verbindet der Sylter Flughafen die Insel mit zahlreichen Destinationen wie Düsseldorf, Frankfurt, München und Zürich. Rund 125.000 Passagiere starten oder landen jährlich auf Sylt. Auch Hamburg und Berlin sind noch heute Ausgangspunkt und Ziel vieler Linienflüge von und nach Sylt – mittlerweile aber aufgeteilt auf mehrere Fluggesellschaften. Während die Strecke Berlin–Sylt nach der Air-Berlin-Pleite von Easyjet übernommen wurde, ist die Strecke Hamburg–Sylt heute in fester Hand der Sylt Air. Die Fluggastzahlen sind noch in etwa die gleichen wie zu Gründerzeiten: Zwischen 2.000 und 2.500 Passagiere befördern die Piloten im Jahr in die Hansestadt und zurück. Sylt Air ist bis heute die einzige Fluggesellschaft, die diese aus fliegerischer Sicht kurze Strecke wirtschaftlich betreiben kann, weiß Firmeninhaber Peter Siemiatkowski: „Viele andere Anbieter haben es versucht und sich daran die Zähne ausgebissen“, erinnert sich der Geschäftsführer. Auch Berlin zählte bis 2006 noch zu den angepeilten Flughäfen des Linienflugbetreibers, wenngleich als Direktflug und nicht mehr mit Zwischenstopp in Hamburg. „Durch die Einführung der ICE-Verbindung zwischen Berlin und Hamburg mit Fahrtzeiten um die anderthalb Stunden fiel aber der zeitliche Vorteil durch den Flug weg“, erklärt der Geschäftsführer.

Peter Siemiatkowski, von allen kurz „Siemi“ genannt, hat 1992 sein erstes Luftfahrtunternehmen, die Aeroline-GmbH, gegründet und gemeinsam mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin Daniela Kohnen Charterflüge von und nach Sylt angeboten. Dass ihm nur ein Jahr später die seit 1972 existierende Flugschule Sylt zum Kauf angeboten wurde, in der er 1987 seine Ausbildung zum Fluglehrer absolviert hatte und selbst viele Jahre Flugstunden gab, war für den begeisterten Piloten ein Wink des Schicksals. 1998 übernahm der Flugunternehmer dann noch die 1963 gegründete Friesenflug GmbH und damit auch den Linienflug Hamburg-Sylt. „Damit sind wir das fünftälteste Luftfahrtunternehmen Deutschlands.“ In der Saison von Ostern bis Oktober können Passagiere montags bis freitags zweimal täglich sowie am Sonntagabend zu Preisen zwischen 230 und 330 Euro pro Strecke nach Hamburg und zurückfliegen. Je nach Auslastung mit kleineren oder größeren Maschinen, in die drei bis neun Passagiere passen. „Für viele wird allein die Anreise mit uns schon zum Abenteuer“, weiß Siemiatkowski. Oder, wie „Welt“-Redakteurin Inga Griese einst über ihren Flug mit der Sylt Air in ihrer Kolumne schrieb: „Das ist ein bisschen wie mit dem Bollerwagen an den Strand.“