In der Grundschule St. Nicolai werden die begabten Schüler besonders gefördert

Eine Frage der Gerechtigkeit

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Die Grundschule St. Nicolai in Westerland nimmt als eine von zehn Schulen in Schleswig-Holstein an einer Bund-Länder-Initiative der KMK teil.

Mi, 28. Mär 2018
Westerland

Für Horst-Peter Feldt ist die schulische Förderung besonders begabter Kinder auch eine Frage der Gerechtigkeit. „Wenn man immer nur die fördert, die Schwierigkeiten mit dem Stoff haben, ist das ungerecht denen gegenüber, die mehr lernen könnten als das, was auf dem Lehrplan steht“, sagt der Leiter der St.-Nicolai-Schule im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Frage nach der Gerechtigkeit sei das eine, der Bedarf unserer Gesellschaft an besonders begabten Menschen das andere: „In Deutschland lebt etwa ein Prozent der Weltbevölkerung. Aber unser Land ist die fünftgrößte Industrienation der Welt. Vor diesem Hintergrund kann es nicht sein, dass die Begabten nicht gefördert werden, denn Intelligenz und Wissen ist das einzige, was wir haben.“ Feldt hat den Worten Taten folgen lassen und sich in seiner Schule um das Thema gekümmert.

Heute ist die St.-Nicolai-Grundschule eine von zehn Schulen in Schleswig-Holstein, die an der Bund-Länder-Initiative der Kultusministerkonferenz (KMK) zur Förderung leistungsstarker und potenziell besonders leistungsfähiger Schüler teilnimmt. Das Projekt firmiert unter dem Slogan „Leistung macht Schule“ und hat zum Ziel, für alle Klassenstufen Unterrichtskonzepte zu entwickeln, mit denen hochbegabte Schüler besonders gefördert werden. Heißt konkret: „Wie kann ich beispielsweise im Sachunterricht Aufgaben stellen, die speziell für hochbegabte Kinder geeignet sind?“, erläutert Horst-Peter Feldt. Und: „Wie kann ich den Unterricht insgesamt so gestalten, dass er die gesamte Bandbreite zwischen minderbegabt und hochbegabt abdeckt – und zwar innerhalb des Stundenplans und nicht etwa nachmittags in einem speziellen Förderangebot.“

Start der Entwicklungsphase ist zu Beginn des Schuljahres 2018/19. Gemeinsam mit Unis und insgesamt 300 Schulen in ganz Deutschland soll dann fünf Jahre lang entwickelt und ausprobiert werden, was sich zur Förderung von hochbegabten Kindern und Jugendlichen eignet – und was nicht. Nach diesen fünf Jahren beginnt der zweite, ebenfalls auf fünf Jahre angelegte Teil des Programms: Dann sollen die Ergebnisse ausgewertet und in allen Schulen der Republik sukzessive implementiert werden.
Das Ziel dahinter: Der Anteil der Schüler mit besonderen intellektuellen Potenzialen soll von derzeit rund zehn Prozent in der Bundesrepublik auf 20 Prozent verdoppelt werden. „Beispielsweise in Schweden oder in Finnland liegt dieser Anteil schon jetzt bei etwa 20 Prozent; in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum ein vergleichbares Land 20 Prozent Potenzial hat – und Deutschland aktuell nur die Hälfte“, fasst der Schulleiter der St.-Nicolai-Schule zusammen.
Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien argumentiert in die selbe Richtung: „Sämtliche Bildungsstudien der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass es einen Nachholbedarf bei der Förderung von leistungsstarken und besonders begabten Schülerinnen und Schülern gibt.“ Die Förderung dieser besonders Begabten sei auch eine Frage von Bildungsgerechtigkeit, so die Bildungsministerin.

Die Leistungsschere, so Horst-Peter Feldt abschließend, gehe bei den Schülern immer weiter auseinander; das liege auch daran, aus welchem familiären Umfeld die Kinder kämen, ob zu Hause Bücher eine Rolle spielten oder andere Dinge. Wenn aber die Begabten nicht gefördert würden, „dann gehen Potenziale verschüttet – und es kann nicht sein, dass diese Schüler am Ende nicht gefördert werden, weil das Lernumfeld nicht passt. Dann muss es eben passend gemacht werden!“ In St. Nicolai haben sie schon mit dem Umbau begonnen.