1.100 Demonstranten auf Sylt setzten ein Zeichen

„Hoch die Hände, Klimawende!“

Die Mitorganisatorinnen Lena Theissig und Annika Abraham liefen in der Demo in der ersten Reihe.

Mi, 25. Sep 2019
Westerland

Westerland.(sc) „Es ist fünf vor zwölf – höchste Zeit, dass wir die Ehrfurcht vor dem Leben wieder lernen“, warnte die Westerländer Pastorin Anja Lochner in ihrer Rede auf der Demonstration für das Klima am vergangenen Freitag und fragte im Namen der Demonstranten: „Hängt deine Lebensfreude wirklich von der Größe deines Autos ab?“ Lochner appellierte nicht nur an die Sylter, sondern auch an die Gäste: „Müssen wir wirklich während eines Herbststurms mit einem Heizpilz draußen auf der Terrasse sitzen?“

Rund 1.100 Menschen jeder Altersgruppe fanden sich auf dem Rathausplatz ein, um für ihre Zukunft einzustehen. Gemeinsam zogen die Demonstranten friedlich mit zahlreichen Plakaten durch die Fußgängerzone und über die St.-Nicolai-Straße entlang zum Bahnhofsvorplatz. Bis dahin hatten sich die ersten Sprechchöre entwickelt: „Kohlekonzerne baggern in der Ferne, zerstören unsere Umwelt, nur für einen Haufen Geld!“ Über die Kjeirstraße und durch die Andreas-Nielsen-Straße ging es anschließend zurück zum Rathaus.

An jeder Straßensperre der Polizei warten die Autos – mit laufendem Motor übrigens. Dr. Lothar Koch von den Grünen führte die Demonstration, und die Rufe der Beteiligten schallten durch die Innenstadt: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ 

Um ein Zeichen zu setzen und die Politik zum Handeln zu zwingen, gaben die Redner klare Ziele an: „Deutschland muss klimaneutral werden, nicht bis 2050 – das ist 15 Jahre zu spät. Klimaneutralität muss Kernziel der Europäischen Union werden“, so Annika Abraham von der Initiative Fridays for Future in ihrer gemeinsamen Rede mit Lena Theissig. „Klimaschutz fängt im Kleinen an“, meinte Theissig. Mal auf Fleisch verzichten, überdenken, ob man nicht doch das Fahrrad nehmen könne, und Produkte mit Palmöl meiden. „Es muss auch kein Kohlestrom aus der Steckdose kommen.“ Und wieso Bio-Produkte aus Süddeutschland kaufen, „wenn diese erst einmal quer durch das Land gefahren werden müssen.“ 

Dr. Matthias Wegener vom Alfred-Wegener-Institut in List erläuterte den Zuhörern den massiven Einfluss des menschengemachten Klimawandels: „99,97 Prozent der Wissenschaftler haben den Zusammenhang zwischen fossilen Energieträgern, dem CO2-Ausstoß und dem Temperaturanstieg seit 1896 durch Studien erkannt.“ Vor 55 Millionen Jahren, erklärte er, habe es schon einmal einen vergleichbaren Temperaturanstieg auf dem Planeten gegeben: „Sicherlich gab es damals Gewinner, die kleinen Säuger und Primaten zum Beispiel, doch ich bezweifle, dass wir aus dieser Situation als Gewinner hervorgehen.“ Es sei Zeit zum Handeln, so Wegener. „Obwohl uns bewusst ist, dass wir unsere eigene Lebensgrundlage zerstören, treiben wir immer mehr Kühe auf die Wiese.“ Der Klimawandel sei Fakt, so der Wissenschaftler, „Wie kann man das nicht sehen?“ Jeder einzelne könne etwas tun, um seinen CO2-Fußabdruck zu verringern. „Es reicht sicherlich nicht, sich einen ,Fuck-You-Greta‘ Aufkleber auf das Auto zu kleben und so weiterzumachen wie bisher.“ Dr. Lothar Koch schloss sich dem Wissenschaftler an: „Wir haben schon lange kein Informationsdefizit mehr, es muss gehandelt werden.“ Auch von einer Nachbarinsel war eine Rednerin eigens zur Demo angereist: Landwirtin Silke Backsen aus Pellworm verklagt, gemeinsam mit drei weiteren Familien und Green Peace, die Bundesrepublik Deutschland auf Einhaltung der Klimaziele 2020. „Das Reden reicht einfach nicht mehr, es muss endlich gehandelt werden.“ Am 31. Oktober wird der Fall vor dem Verwaltungsgericht in Berlin verhandelt: „Es ist eine offene Verhandlung, jeder ist eingeladen, zu kommen.“

Fridays for Future hat an diesem Tag weltweit zur Demonstration aufgerufen. Allein in Deutschland sollen rund 1,5 Millionen Menschen dem Aufruf der Organisation gefolgt sein. Auf Sylt wurde die Demonstration vom Aktionsbündnis Klimaschutz Sylt organisiert. Hauptorganisatoren waren die „Fridays for Future“ Ortsgruppe Sylt unter der Leitung von Lena Theissig und Annika Abraham und die Grünen um Dr. Lothar Koch. Unterstützung gefunden hat die Demonstration bei den evangelischen Kirchengemeinden Westerland, Rantum/Hörnum, Keitum und Morsum sowie bei der katholischen Kirchengemeinde Westerland und der dänischen Kirchengemeinde Sylt. Auch die insularen Naturschutzorganisationen unterstützen das Aktionsbündnis – und darüber hinaus auch zahlreiche Organisationen: die Naturschutzgemeinschaft Sylt, die Initiative „Bye, bye Plastik“, die Schutzstation Wattenmeer, der Naturschutzbund Deutschland und die Parteien Die Insulaner, SWG, SSW und die SPD.