Eine Kurzgeschichte der Sylter Autorin Bettina Dethloff

„Die Chefin bin ich“

Foto: © oh / Sylter Spiegel GmbH

Arbeit muss sein, Spaß auch: Wer Anita Friedrichsen am Tisch hatte, langweilte sich garantiert nicht.

Mi, 20. Jun 2018
Sylt

„Sie wollen doch wohl bei dem Wetter nicht ohne Schal `rausgehen!“, rief Anita Friedrichsen ihrem Feriengast hinterher. Der gestandene Mann kehrte ohne Protest in sein Zimmer zurück und holte sich Mütze und Schal. Diese Vermieterin hatte ihre Gäste im Griff, und die Urlauber fühlten sich so wohl bei ihr, dass die meisten über Jahrzehnte regelmäßig wiederkamen.

„Bis ich in die Schule kam, wohnten wir in Alt-Westerland“, erinnert sich ihre Tochter Ruth. „Meine Mutter ging von dort aus oft zum Bahnhof, um Gäste zu litzen. Das bedeutet, sie sprach die Reisenden an, ob sie ein Zimmer bräuchten.“ Später baute sie mit ihrem Mann Hans, einem Maurer, das Haus in der Roten-Kreuz-Straße, wobei sie kräftig mit anpackte.

1935 konnte die Familie einziehen und ihr schmales Budget mit Gästezimmern aufstocken. Einen Nachteil hatte das neue Haus in Strandnähe allerdings: Für das Anlegen eines Gemüsegartens war der Boden nicht so gut geeignet wie auf dem alten Grundstück. Im November 1944 fiel Hans im Krieg, es brachen schwere Zeiten an für die alleinstehende Mama, die während des Krieges Munition geputzt hat, das Haus voller Flüchtlinge hatte und nach dem Krieg die Witwenrente gekürzt bekam, weil sie ein Haus besaß.

„Der Dank des Vaterlandes sei dir gewiss“, lautete ihr Kommentar dazu. Doch sie spuckte in die Hände und nahm den Kampf des Lebens auf. Als nach dem Krieg wieder Feriengäste kamen, war unter den ersten auch ein Schwarzhändler aus Hamburg. Er kam viele Jahre lang zu Besuch und hatte jedes Mal andere Waren im Gepäck, womit er seine Geschäfte betrieb. Die Vermieterin nahm es locker – was sollte sie sich auch darum scheren, hatte sie doch genug eigene Sorgen. Als der Mann während eines Ausflugs im Schlick versank und bei der Rückkehr total schmutzig vor ihr stand, stemmte Frau Friedrichsen resolut die Fäuste in die Hüfte und meinte forsch: „Du bist ja vielleicht ein Dusseltier!“ Alle Jahre wieder musste der Stammgast sich das anhören.

„Also wirklich, zu dir würde ich nur ein einziges Mal als Gast kommen“, erklärte Tochter Ruth damals und schüttelt bei der Erinnerung selbst heute noch den Kopf. Einmal buchte eine ganze Hochzeitsgesellschaft die Gästezimmer. Die mitgebrachte Haushälterin kochte für alle und die Braut hatte sogar ein Hochzeitskleid an, bestehend aus einem weißen Bettlaken. Zu der Gesellschaft gehörte auch ein ausgehungerter Spätheimkehrer, und der machte sich heimlich dran, seinen Magen mit dem leckeren Spanferkel zu füllen. Und wer stand hinterher unter Verdacht? Die Vermieterin.

Was für eine Aufregung! „Meine Mutter hätte mal ihre Erlebnisse aufschreiben sollen, das wäre ein Wälzer geworden“, betont ihre Tochter. „Sie hatte immer das Haus voll, und sämtliche Arbeiten mussten per Hand erledigt werden: Wäsche, Geschirr, Kaffeekochen. Abends ist sie dann immer noch zum Friedhof gerast, das schaffte sie auch noch – und zwar jeden Abend! Ihr Leben lang hat sie schwer getrauert.“

Ruth heiratete schließlich im Jahre 1949 und wohnte mit ihrem Mann im Haus ihrer strengen Mutter. „Wir durften uns nicht rühren“, erinnert sie sich. „Ein Jahr lang wohnten wir bei meiner Oma, doch da kamen wir vom Regen in die Traufe.“ So wurde 1952 am Elternhaus angebaut und eingezogen. Von da an musste Ruth ganz selbstverständlich zwei Haushalte führen- kochen, nähen, stricken, putzen. „Das war schon seltsam“, erinnert sie sich. „In der Schule hatte ich absolut kein Talent für Haushaltsarbeiten oder Handarbeiten. Meine Deckchen wurden schief und nicht mal einen einfachen Kreuzstich bekam ich hin. Doch nach der Hochzeit bekam ich wie von Zauberhand alles zurecht. Kochen, nähen – alles plötzlich kein Problem mehr! Ich konnte es selbst nie so recht fassen.“

Ihre Mutter führte derweil das Gästeregiment. Sie war sehr beliebt bei den Urlaubern, trotz ihres offenen Mundwerks. Oftmals fragte jemand ganz unbedarft: „Wie wird denn das Wetter?“ Dann antwortete sie: „Woher soll ich das wissen? Bin ich Jesus?“

Die Nachbarn hatte sie ebenfalls im Griff, Gertrud und Ewald Andersen wohnten direkt nebenan. Im Zaun war ein Loch, durch den ein Plattenweg bis zu deren Haustür führte, mit dem Namen „Anitaweg“. Sie spielten Karten oder Scrabble und da das Andersen-Haus ein sehr belebtes und beliebtes Haus war, hatte Nachbarin Anita stets eine Menge zu kommentieren. Dies trübte die Freundschaft aber niemals. „Als meine Mutter 90 Jahre alt war und sich mit ihrer Kanne Kaffee am Türrahmen festhalten musste, habe ich Sie langsam aus der Gästebetreuung hinausgedrängt“, so Tochter Ruth.

„Aber die Chefin bin ich hier!“, forderte die Mutter. Chefin ist sie immer gewesen und die blieb sie auch. „Sie hat einfach überall mitgemischt“, erinnert sich Ruth lächelnd. „Auch die Kapriolen der Kinder beobachtete sie mit Argusaugen, als diese erwachsen wurden. „Nimm dir bloß kein Kind mit aufs Grundstück!“, hat sie zu mir gesagt.“

Doch zum ersten Mal tat Ruth nicht das, was ihre Mutter sagte. Nachdem die unvergessene Anita Friedrichsen mit 96 Jahren zu Hause verstarb, blieb Ruth nicht lange allein wohnen: Tochter Ilka zog ein, samt Kind und Mann.

Heute gibt es nicht mehr solch strenge Regeln wie früher. Das muss es auch nicht, denn Ruth braucht keine Chefin zu sein. Ihr Wort wird auch so gehört – und vor allem respektiert.