In der Grundschule St. Nicolai kümmert man sich jetzt auch um die Schlauen

Ein Platz für kleine Forscher

Foto: © SyltConnected

Mi, 17. Apr 2019
Westerland
,
Sylt

Westerland.(hwi) In Polen sind rund 20 Prozent der Kinder potenziell leistungsstark. In Deutschland sind es nur etwa zehn Prozent. Auf ein leistungsstarkes Kind in Berlin kommen statistisch gesehen also zwei in Warschau. Woran mag das liegen? Wo sind die zehn Prozent in Deutschland, die zu unserem Nachbarland fehlen? Darüber denken Bildungspolitiker auf Bundes- und Landesebene seit Jahren nach. Sie wollen die Quote der Kinder, die mehr können als der Schnitt, deutlich erhöhen – und eben diese Kinder entsprechend fördern. „Das soll erstmals gemeinsam geschehen“, sagte der Leiter der Grundschule St. Nicolai, Horst-Peter Feldt, im Gespräch mit unserer Zeitung. Gemeinsam heißt: Der Bund und alle Bundesländer ziehen gemeinsam an einem Strang. Das gab es in der Schulgeschichte der Bundesrepublik noch nie, denn die Schulpolitik ist eine der letzten hoheitlichen Bastionen der Bundesländer – neben der Hoheit über die jeweils eigene Landespolizei.

Dieses erste wirklich umfängliche Bund-Länder-Programm steht unter dem Titel „Leistung macht Schule“, gekürzelt „LemaS“, und wurde von der Kultusministerkonferenz 2016 beschlossen. Das klare Ziel: aus zehn Prozent potenziell leistungsstarken Kindern in Deutschland 20 Prozent machen. „Früher hat man hierzulande viel im unteren Bereich gefördert – ob es um das Lesen ging oder um das Rechnen. Das war eine Reaktion auf das schlechte Pisa-Ergebnis Anfang der 2000er Jahre. Und im unteren Bereich hat sich auch einiges zum Besseren gewendet. Aber die Kinder, die etwas leisten können, also die überdurchschnittlich Begabten, haben ebenfalls ein Recht darauf, gefördert zu werden – ganz unabhängig davon, dass unsere Volkswirtschaft, die nicht auf Rohstoffe zurückgreifen kann, den leistungsstarken Nachwuchs in Zukunft dringend braucht“, sagte der Westerländer Schulleiter.

Das Projekt LemaS ist auf zehn Jahre angelegt und in den jeweiligen Schulministerien der Länder hoch angesiedelt. Denn kein Bundesland will sich die Blöße geben, im Vergleich zu den anderen hinterher zu hinken. Das Projekt en detail: „In den ersten fünf Jahren werden Unterrichtsbeispiele in der Praxis erprobt – und in den zweiten fünf Jahren sollen genau diese erprobten Module nach und nach bundesweit eingeführt werden“, erläuterte Feldt. Zwischen Oberstdorf und Flensburg nehmen 300 Schulen an LemaS teil. Eine davon ist die St. Nicolai-Schule, die übrigens gefragt wurde, ob sie teilnehmen möchte. Andere Schulen mussten sich bewerben. Das hat Horst-Peter Feldt, der mit seiner Schule 2016 den Deutschen Schulpreis auf die Insel holte, gefreut. Doch was bedeutet das alles konkret? Was genau unternimmt die St. Nicolai-Schule, um die Potenziale von intelligenten Kindern künftig stärker zu fördern?

„Einmal geht es bei uns um das Thema ,Experimentelles Forschen‘ im Sachunterricht. Es geht um freies Experimentieren“, so Feldt. Mit Unterstützung zweier Doktoranden der Freien Universität Berlin wird Material für eine sogenannte Forscherecke zur Verfügung gestellt. Die Kinder sind dann in dieser Ecke völlig frei, das Material zu verwenden, um beispielsweise etwas zu bauen. Es stehen Farben zur Verfügung, die gemischt werden können. Es gibt Anregungen: Wie kann man beispielsweise eine Farbe aus Stoffen herstellen, die im natürlichen Umfeld der Kinder vorkommen, zum Beispiel Ziegelsteine? „Die Kinder sollen sich selbst eine Forschungsaufgabe stellen und diese Aufgabe Schritt für Schritt umsetzen. Farben, Pipetten und Mikroskope stehen in dieser Materialsammlung ebenso zur Verfügung wie beispielsweise Watte und anderes Baumaterial.“

Aufgabe der beiden Doktoranden aus Berlin ist es nun, die Lehrer entsprechend auszubilden, damit sie den Kindern Hilfestellungen geben können. Und: Die kleinen Forscher müssen ihren Platz im Stundenplan finden. Außerdem geht es darum, einen Vorher-Nachher-Vergleich anzustreben: Was hat das Programm gebracht? Sind also bei den Kindern Leistungsunterschiede im Vergleich zu vorher erkennbar? Welche Kompetenzen entwickeln sich durch das Forschen bei den Kindern?

In einem zweiten Themenbereich geht es darum, die Übergänge von der Kindertagesstätte in die Grundschule und darüber hinaus von der Grundschule in weiterführende Schulen zu optimieren.

„Bis zu den Sommerferien werden wir von der Freien Universität Berlin unterstützt; nach den Ferien soll das Projekt in die Stundenpläne implementiert werden“, beschrieb Feldt abschließend den zeitlichen Rahmen dieses ersten bundesweiten Bildungsprojekts, an dem die St. Nicolai-Schule als eine von lediglich zehn Schulen in Schleswig-Holstein teilnimmt.