Musiker Heinz Rudolf Kunze im Interview

„Der schönste Beruf der Welt“

Foto: © oh / Sylter Spiegel GmbH

Fri, 10. Aug 2018
Sylt

Er ist einer der bekanntesten Liedermacher und Sänger in Deutschland – Heinz Rudolf Kunze. Er spielt am Donnerstag, 9. August, auf Sylt. Das aktuelle Album „Schöne Grüße vom Schicksal“ ist im Mai erschienen. Kunze hat bislang mehr als 1.700 literarische Texte (zum Teil vertont) sowie 475 Lieder veröffentlicht. Seinen bislang größten Single-Erfolg hatte er 1985 mit „Dein ist mein ganzes Herz“. Auch darüber und sein neues Album spricht er im Interview mit dem Sylter Spiegel.

Herr Kunze, Sie sind 37 Jahre im Musikgeschäft, wie hält man das aus ohne Alkohol- und Drogenkonsum?
Indem man so viel Spaß daran hat, Freude daran findet und dankbar dafür ist, dass man das machen darf. Denn es ist der schönste Beruf der Welt. Da muss man nicht vor die Hunde gehen, das kann man genießen. Da ich sehr viel Output habe, sehr viel mehr, als ich veröffentlichen kann, habe ich auch nie ein Materialproblem und möchte einfach noch ganz viel machen. Bob Dylan mit seinen rund 45 Alben will ich noch überholen. Johnny Cash kriege ich nicht mehr, der hat mehr als 150 Alben hinterlassen, das schaffe ich nicht mehr.

Sie haben 35 Alben veröffentlicht und rund 4.000 Texte geschrieben. Waren Sie schon als kleiner Junge fleißig?
Das ist kein Fleiß, das ist jedes Jahr ein Album. Ich hätte jedes Jahr vier machen können, nur durfte ich nicht. Ich empfinde es nicht als Fleiß, sondern als eine Art Spieltrieb. Das ist eine Eigenschaft, die ordne ich der Schule oder der Uni zu. Mir fällt einfach viel ein. Und Fleiß hört sich so an, als ob ich irgendetwas tun müsste, aber ich muss nicht. Es kommt so aus mir raus und ich muss mich dafür gar nicht anstrengen. Ich muss nur meine Antennen aufstellen und was aufschnappen, was so in der Luft liegt. Dann schreibe ich es auf. Ich empfinde das gar nicht als Arbeit.

Viele Musiker sagen immer, das neueste Album ist natürlich immer das Beste. Wie ist das bei Ihnen? In der Pressemitteilung ist nachzulesen, es stecke viel Bewegung im neuen Werk: Menschen, Gedanken, Erinnerungen und musikalische Stile. Was ist das besondere am neuen Album?
Das besondere ist, dass es wieder so ist. Denn es war immer so. Ich glaube, ich habe immer dazu geneigt, so chamäleonartige Alben zu machen, mit vielen Stilen und Perspektiven inhaltlicher Art. Der Anspruch ist, dass ein Album von allem handelt, von Gott und der Welt, von allem, was mir zwei Jahre durch den Kopf rauscht. Und es ist immer noch so. Ich habe mein Leben lang vergeblich davon geträumt, eine Lou Reed-Platte zu machen, auf der alles monochrom und wie ein einziges Lied klingt. Aber ich schaffe das nicht. Bei mir geht das immer in viele Richtungen auseinander, das ist immer wie ein Dschungel mit vielen exotischen Pflanzen. Von Rammstein bis Liedermacherei ist auch auf dem neuen Album wieder alles dabei, von Ballade bis Protestsong.

Musikalisch ist es immer noch gleich.
Na ja, „Schieß“ würde ich jetzt nicht unbedingt als Pop bezeichnen (lacht). Das geht doch schon ganz schön heftig ab. Andere Lieder dagegen sind ruhiger. Wir haben in der Vergangenheit sehr viel herumexperimentiert. Wir haben im Laufe der fast vier Jahrzehnte jede Stilistik der populären Musik irgendwann gestreift und zitiert. Von Heavy Metal über Punk, Reggae, Klassik, Elektronik, Rap haben wir alles ausprobiert, wenn es zu einem Text passte. Ich habe offensichtlich so unterschiedliche Textarten, dass man dazu sehr unterschiedliche Musik machen kann. Und meine Band ist zum Glück immer sehr verführbar.
Wofür steht der Album-Titel „Schöne Grüße vom Schicksal“? Wurde da ein besonderes Schicksal aufgearbeitet?
Nein. Bei mir ist das so eine Art Prinzip geworden. Ich habe immer pro Album einen Arbeitstitel, den ich dann immer eine Woche vor Fertigstellung verwerfe. Das war dieses Mal auch ein sehr schöner Titel, er hieß „Für mein Leben gern“. Aber er war mir ein bisschen zu innig und grüblerisch und ich habe ihn dann gegen „Schöne Grüße vom Schicksal“ eingetauscht, der mir aus dem Nichts einfiel. Und ich finde, das ist ein Begriff oder eine Redewendung, der die 15 Lieder noch besser wie ein schöner Strauß Blumen zusammenfasst. Mit Blumen drin, die einen Stachel haben, manche, die gut riechen, manche, die schön aussehen und mit manchen, die aussehen wie ein Kaktus.

Der erste Song „Raus auf die Straße“ ist sehr eingängig. Ist das die Vorfreude auf die Tour? Sie gibt es ja jetzt auch solo.
Wenn einem ein solches Stück einfällt, dann gehört es an den Anfang. Das Lied handelt von den zwei Gesichtern, die dieser Beruf hat: Wenn man sich etwas ausdenkt, braucht man Ruhe, muss zur Besinnung kommen und einer Idee nachgehen und wenn die Idee steht, will man es den Leuten vorspielen. Dann wird es öffentlich, dann kommt die Stimulation ins Spiel. Es macht sicherlich mehr Spaß, es den Fans vorzuspielen, als es sich auszudenken. Im Studio klatscht ja keiner, im Saal schon.

Gibt es für Sie noch Helden und Idole?
Und ob. Es gibt so viele. Meine Idole, meine Helden sind all diese elektrischen Erzähler, die in den 60 Jahren angefangen haben und entweder von uns gegangen sind oder noch aktiv sind. Leonhard Cohen, Tom Petty, David Bowie bis zu den noch lebenden Pete Townsend, Ray Davies, Neil Young, Dylan natürlich, Bruce Springsteen und Randy Newman. Das sind Vorbilder.

Gibt es eine Grundmessage auf dem neuen Album?
Nein, es ist kein Konzept-Album. Es ist immer der Versuch einer Bestandsaufnahme, was mir in den letzten 18 bis 24 Monaten aufgefallen ist. Das versuche ich jedes Mal.

Gab es in den vergangenen zwei Jahren etwas sehr Negatives oder sehr Positives, das Ihnen aufgefallen ist?
Ja, aber dann ist es etwas, dass so verstörend und unangenehm ist, wie das Phänomen Trump. Da kann ich dann nur mit Hans Dieter Hüsch kommen, der sagte: „Mein Kabarett ist mir für böse Buben zu schade“. Oder Randy Newman, der meinte: „Ich habe versucht, über Trump ein Lied zu schreiben, aber er ist es nicht wert.“

Sind Sie eigentlich eher Liedermacher oder Rocksänger?
Ich würde mich wie Niels Frevert zu den Deutschrock- Sängern zählen, weil für mich das Wort Liedermacher ein klar umrissener Begriff ist. Konstantin Wecker, Reinhard Mey oder Klaus Hoffmann. Das sind Kollegen, die immer nur leise arbeiten. Das hat aber nichts mit Qualität zu tun, das ist einfach eine grundsätzliche musikalische Entscheidung.

Sie waren schon immer laut und gitarrenlastig, aber am Klavier auch mal sehr leise.
Genau, jemanden wie Wecker oder Mey würde man nie mit E-Gitarren assoziieren. Das spielt bei mir schon eine wichtige Rolle. Also letzten Endes eher Deutschrock, aber im Grunde sind diese ganzen Etiketten auch gar nicht wichtig.

Machen Sie heute beim Songs schreiben etwas anders als früher?
Ich habe gelernt, was die Texte betrifft, unter jeder Bedingung zu schreiben. Ich kann inzwischen sehr gut auf dem Beifahrersitz im Auto schreiben und im Hotel und in der Garderobe, wenn ich irgendwo einfach nur auf jemanden warte. Dieser Beruf besteht ja zu 90 Prozent aus warten (lacht laut). Beim Komponieren, da ist es anders. Das muss ich mir vornehmen. Ich schreibe so gut wie jeden Tag Texte. Manchmal auch sechs, sieben pro Tag. Komponieren mache ich nicht so nebenbei. Da fang ich erst an, wenn ich weiß, dass in einem dreiviertel Jahr der erste Studiotag ansteht. Das wird langfristig vorher geplant. Dann setze ich mich hin und fange an, meine Sachen zu vertonen, weil das für mich mehr mit Arbeit zu tun hat.
Musik machen heißt für mich Leidenschaft und viel Sorgfalt, es dauert aber länger, und wenn wir eine Platte machen, haben wir einen Überhang von drei bis fünf Liedern, also fertigen Songs. Der Textüberhang, das sind Hunderte, aber der Liedüberhang ist gering.

Musicalübersetzer, Autor, Erfinder einer Kinderbuchfigur – wann haben Sie Zeit für Ihr Privatleben? Was ist Privatleben für Sie? Sie haben sich vor ein paar Jahren frisch verliebt in eine Frau.
Stimmt, herrlich. Das Gute ist, dass wir die gleichen Vorlieben haben. Sie liest sehr gerne und hört auch gute Musik. Ich habe genug Privatleben, weil ich viele unangenehme Dinge delegieren kann. Ich habe ein gut funktionierendes Management, einen Anwalt, einen Steuerberater, die ganzen lästigen Sachen muss ich Gott sei Dank nicht machen. Ich kann mich ausschließlich auf meinen Beruf konzentrieren und mein Privatleben ist dann sehr unauffällig. Ich mache privat das, was ich auch beruflich mache. Ich lese viel, höre sehr viel Musik, gehe in die Sauna oder mit meinem Hund spazieren. Ich habe kein schräges Hobby. Alles was ich tue, kreist um Wörter und Töne. Privat wie beruflich.

Man verbindet Sie in Deutschland mit dem Song „Dein ist mein ganzes Herz“. Sind Sie traurig, dass es nur diesen einen Hit gab?
Nein, dafür bin ich dankbar. Besser als ihn gar nicht zu haben. Mit diesem Song bringt mich die Mehrheit im Lande in Verbindung. Das ist doch besser, als wenn die Leute immer rätseln würden, wer ist der Mann mit der Brille.

Sie schauen also nicht neidisch auf Peter Maffay und Herbert Grönemeyer?
Ich bin zufrieden, werde im Radio gespielt, aber natürlich wünscht man sich immer mehr. Das geht Herbert und Peter genauso, dass sie immer noch mehr Leute erreichen möchten und dabei nicht nur an ihr Konto denken. Aber das kann man nicht erzwingen. Das liegt in der Natur der Zufälle und „Dein ist mein ganzes Herz“ war ein guter Moment. Das richtige Lied im richtigen Augenblick am richtigen Ort. So etwas kann man nicht am Reißbrett entwerfen, sonst hätten ja alle ständig Hits.

Was für Träume und Wünsche haben Sie noch? Eine Arena füllen?
Ich habe den Traum, dass das nie aufhört, was ich gerade mache. Ich habe den schönsten Beruf, den ich mir vorstellen kann, ich wüsste nicht, was ich lieber täte. Sicher wäre ich einigermaßen glücklich geworden an der Uni als Germanist oder Literaturwissenschaftler für Neue Deutsche Literatur zu arbeiten. Das hätte ich auch gern gemacht, aber Musik ist einfach schöner. Ich wäre jedenfalls nicht gerne Lehrer geworden, wie es bei Wikipedia steht. Ich habe nichts dagegen, wenn es dazu kommt, nochmal eine Arena zu füllen. Aber ich habe in der DDR vor 200.000 Leuten mit Bryan Adams gespielt. Ich habe mein Woodstock gehabt. Wenn die Hallen nochmal größer werden, herzlich willkommen.

Autor: Reinhard Franke