Tschernobylkinder zu Gast auf der Insel

Sorgenschiffe reisten übers Meer

Do, 25. Jul 2019
Sylt

Insel Sylt. Während Irina Averin und Valentina Denisman sich kurz auf einer Bank vor dem üppig blühenden Rosenbusch ausruhen, genießen sie unsere frische Nordseeluft wie wohl kaum ein anderer. Irina und drei weitere Betreuer kümmern sich um eine Gruppe Kinder, die zur Erholung nach Nordfriesland kommen durften, Valentina ist als Dolmetscherin überall dabei. Zuhause sind die beiden Frauen in Weißrussland, nicht weit weg vom traurig berühmten und immer noch hoch verstrahlten Tschernobyl. Irina leitet in Pinsk ein Kinderschutzhaus, genannt „die Suppenküche“: „Die wirtschaftlichen und die sozialen Verhältnisse sind bei uns katastrophal, Alkoholismus und Drogen beherrschen viele Familien“, erklärt Irina leise. „Staatliche Programme und medizinische Unterstützung beim Entzug gibt es nicht. Und leider ist der Alkohol dort total billig.“ Fleisch, Obst und Gemüse dagegen sind extrem teuer, die Kosten stehen meist in keinem Verhältnis zum erbärmlich niedrigen Einkommen – wenn es denn eines gibt. In der Suppenküche dürfen die Kinder essen, duschen, Hausaufgaben machen, und man versucht zu vermitteln, dass ihre alkohol- und drogensüchtigen Eltern krank sind. Die Kinder sollen möglichst keinen Hass entwickeln, sondern lernen, ein anderes Leben zu leben. Unterstützt wird Irina von engagierten Betreuern und ihrem Mann Viktor, der sich vor allem um die bürokratischen Dinge kümmert, damit alle Ein- und Ausgaben nachvollziehbar sind.

„Diesen Zufluchtsort gibt es dank der Niko-Nissen Stiftung“, übersetzt Valentina Irinas Worte. Seit 25 Jahren reisen die Nissens regelmäßig mit einem Technikerteam nach Weißrussland, um taubstummen und schwerhörigen Kindern zu helfen. „Während wir uns um die Kinder mit Missbildungen an den Ohren kümmerten, sahen wir noch viel anderes Leid: Gewalttätige oder auch verschwundene Eltern, leere Kühlschränke, verdreckte Wohnungen...“, erinnert sich Frauke Nissen schaudernd. Und so entstand dank viel Engagement, Mut und großzügiger Spenden die „Suppenküche“. „Seit es sie gibt, haben wir keinen Kindersuizid mehr miterleben müssen und keines ´unserer Kinder´ wurde mehr kriminell“, fügt die Niebüllerin hinzu.

Ein Teil dieser leidgeprüften Kinder durfte sich gerade vier Wochen lang in Niebüll und auf Sylt erholen, die gute Luft atmen, saubere Kleidung tragen, Tage ohne Angst erleben. Die Niebüller „Arche“ lud zu einem Danke-Gottesdienst ein, unter anderem sprachen Irina und auch Mischa, der keine Familie hat und total gern Koch werden will. Er ist so überwältigt von der Zuneigung, die er hier erfahren darf, dass manchmal die Worte stockten und ein paar Tränen flossen. Doch die wurden einfach lachend weggewischt. Bewegend war auch der Ausflug auf dem Adlerschiff mit folgendem Ritual: „Alle falten vorher Schiffchen aus Papier und beladen sie mit ihren Sorgen“, erklärt Frauke Nissen. „Der Kapitän fährt weit hinaus und wir setzen die kleinen, schwer beladenen Sorgenschiffe ins Wasser, begleitet von Rosen aus unserem Garten.“

Das war ein hochemotionaler Moment, weil die Kinder sich ihre Sorgen und Nöte dabei ins Gedächtnis riefen. „Aber sie wollten das trotzdem machen“, erklärt Frauke Nissen. „Dieses Ritual schenkt ihnen Hoffnung, denn hier werden ihre Sorgen und Ängste wahrgenommen. Sie sind nicht allein. Und nichts ist schlimmer, als allein zu sein.“

Im nächsten Moment strahlt sie wieder: „Gerade auf Sylt unterstützen uns so viele Menschen! Geschenke wie Kleidung oder ein Vorrat an Vitamintabletten, Besuche im Schwimmbad, im Aquarium, am Lister Hafen oder am Strand, und eben auch die Zugfahrt „durch das Meer“ – all dies sind wahnsinnig kostbare Erlebnisse, welche unsere „Tschernobylkinder“ ein Leben lang in ihrem Herzen tragen werden!“

Spendenkonto:

Niko Nissen Stiftung e.V.

Iban: DE90 2176 3542 0007 8562 02

BIC : GENODEF1BDS