Kommentar von Heiko Wiegand

Von der schwindenden Hoffnung

Do, 14. Jun 2018
Sylt
,
Nordfriesland

Wenn es um die Zukunft des Syltverkehrs geht, um das Offenhalten der insularen Nabelschnur, bleibt nach all den chaotischen vergangenen Monaten in überfüllten Zügen nur noch das Prinzip Hoffnung. Kreispräsident Heinz Maurus brachte es auf den Punkt: Er hofft nach dem jüngsten Marschbahngipfel einfach nur noch, dass die versprochenen Maßnahmen der Bahn dazu führen, dass die Züge wieder pünktlich und vollzählig fahren. Was will er auch machen? Nicht er trifft schließlich im Husumer Kreishaus die Entscheidungen über die Zukunft des Syltverkehrs, sondern die Bahn in all ihren verwinkelten Gesellschaften.
Keine belastbare Planung für eine grundlegende und vor allem schnelle Sanierung der rotten Marschbahngleise? Keine Alternativen zum eigentlich immer verspäteten Zug? Bleibt tatsächlich nur die vage Hoffnung, die ja bekanntlich zuletzt stirbt? Es scheint zumindest so.
Das Stichwort ,Fachkräftemangel‘ reicht aus, um jeden Sylter Unternehmer augenblicklich aus seiner Mitte zu treiben. Man muss in der Tat um die Zukunft der Insel fürchten, um ihre künftige wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, wenn ein Friseur auf der Insel seine erste Filiale schließen muss, weil er keine zugfahrenden Mitarbeiterinnen mehr findet, die sich mittlerweile lieber ins (verlässliche) Auto setzen und von Niebüll nach Husum zur Arbeit pendeln – ohne Damm, ohne Verspätung. Viele Festländer sind das ewige Chaos auf dem Hindenburgdamm völlig zurecht leid, orientieren sich um, suchen und finden Arbeit da, wo sie auch hinkommen. Andere, vor allem Fachkräfte, kommen erst gar nicht nach Sylt. Warum auch? Arbeit gibt es in Zeiten der Vollbeschäftigung allenthalben.
Vor diesem Hintergrund saßen sie nun in Berlin beieinander und flickten und taten und versuchten das zu retten, was die Bahn in der Pflege ihres Schienennetzes seit Jahren versaubeutelt hat. DB Netz hat den heutigen Verantwortlichen von DB Regio buchstäblich einen Scherbenhaufen auf die Schienen gelegt. Man kann nicht in einem halben Jahr das sanieren, was zuvor jahrzehntelang nicht gepflegt und instandgesetzt oder gar ausgebaut wurde. Kann man die dafür Verantwortlichen eigentlich im Nachhinein zur Rechenschaft ziehen?
Bei den auf Sylt Verbliebenen sinkt die Hoffnung und steigt die Wut über so viel Ignoranz, über so viel Dilettantismus, über so viel Verantwortungslosigkeit bei der Bahn – und, ja, auch in der Politik. Die Marschbahn hätte schon vor 20 Jahren in den vordringlichen Bedarf gehört. Aber die Verkehrsminister dieser Republik kamen in den vergangenen Jahren meist aus Bayern, mindestens aus dem entwickelten Süden Deutschlands. Da war die Marschbahn weit weg. Da weiß man noch nicht mal, wo Niebüll liegt.
Es bleibt tatsächlich nur die vage Hoffnung, dass sich die Dinge auf dem Hindenburgdamm bessern. Sie wird mit jedem Tag geringer.