Der Niedersachse Steffen Hachmeyer wagt 2018 den beruflichen Neuanfang auf Sylt

Reise in eine andere Welt

Foto: © Oliver Sippel / Sylter Spiegel GmbH

Steffen Hachmeyer ist frisch aus Niedersachsen auf Sylt angekommen. Über seine Motive und ersten Erfahrungen auf der Insel berichtet er im Sylter Spiegel.

Do, 11. Jan 2018
Sylt

Mit dem Jahreswechsel hat für Steffen Hachmeyer ein neuer Lebensabschnitt begonnen: Der 37-Jährige hat den Sprung ins kalte Wasser gewagt und seinen Lebensmittelpunkt an einen Ort verlegt, den er bisher nur aus dem Urlaub kannte – nach Sylt. Fast eine Million Menschen reisen jedes Jahr auf die Insel, um in ihrem Urlaub deren Vorzüge zu genießen: Für die einen sind es die kilometerlangen Strände, die sie immer wieder in den Norden locken. Andere fühlen sich von der hochwertigen und exklusiven Gastronomie angezogen. Dem gegenüber steht eine von Jahr zu Jahr kleiner werdende Zahl von Menschen, die auf Sylt dauerhaft leben und dort zuhause sind. Die Arbeit wird mit diesen weniger werdenden Arbeitskräften indes nicht ebenfalls weniger, sondern mehr. Deshalb ist es zwischen List und Hörnum ganz gleich, in welcher Branche man sich umhört: Arbeitskräfte sind allenthalben rar gesät, in den Hotels, Restaurants, Bars und Cafés ebenso wie in den Modegeschäften, Handwerksbetrieben oder in der Pflege. Immer mehr Mitarbeiter wandern von der Insel ab oder kommen vom Festland nicht mehr rüber – der wackligen Verbindung mit der Marschbahn sei Dank.
Und doch gibt es immer wieder den einen oder anderen, der gegen den Strom schwimmt und sich aus eigenem Antrieb dafür entscheidet, auf Sylt zu arbeiten und zu leben. Steffen Hachmeyer ist einer von ihnen. Seit November vergangenen Jahres ist der gelernte Rettungsassistent und staatlich geprüfte Betriebswirt neuer Leiter des Rettungsdienstes beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Westerland. Seine Karriere begann der 37-jährige in seiner niedersächsischen Heimat Holzminden als Industriekaufmann. Zum Rettungsdienst kam er durch den Zivildienst. „Das war damals der übliche Weg: Entweder du kamst aus dem Sanitätsdienst bei der Bundeswehr oder hast deinen Zivildienst als Rettungshelfer abgeleistet. Deswegen fehlt auch überall der Nachschub an Personal, seitdem der Grundwehrdienst ausgesetzt ist.“
Tatsächlich ist der Fachkräftemangel kein insulares Problem, sondern ein bundesweites. Dafür zu sorgen, dass das Tauziehen um die Spezialisten zumindest im Rettungsdienst zugunsten der Insel ausgeht, ist eine der künftigen Hauptaufgaben Hachmeyers: „Meine Verantwortung liegt darin, die Einsatzfähigkeit sicherzustellen. Die Personalakquise nimmt dabei einen Großteil meiner Arbeitszeit in Anspruch. Das kenne ich schon von der Arbeit für das DRK in Niedersachsen, nur dass für die Bewerber dort andere Fragen im Vordergrund standen als Wohnraum und Lebenshaltungskosten.“
Einen frischgebackenen Wahl-Sylter mit der Aufgabe zu betrauen, andere vom Leben auf der Insel zu überzeugen – das klingt nach einer guten Aufgabe, denn es müsste ihm ja noch frisch im Gedächtnis sein, was ihn vor kurzem hierher gezogen hat. „Ich würde es jedem empfehlen, nach Sylt zu ziehen, unabhängig davon, was man beruflich macht. Die Insel bietet ein so vielseitiges Umfeld. Die abwechslungsreiche Natur mit ihren Dünenlandschaften, der Nordsee und dem guten Klima auf der einen Seite und das städtische Leben auf der anderen. Außerdem hat die Insel aus meiner Sicht eine sehr gute Infrastruktur.“ Neben der Liebe zur Nordsee war es auch einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass der Rettungsassistent ausgerechnet auf Sylt gelandet ist: „Meine Frau und ich haben schon oft gemeinsam Urlaub an der Nord- und Ostseeküste gemacht. Wir haben uns hier wohlgefühlt. Deshalb konnten wir es uns beide gut vorstellen, ans Meer zu ziehen. Aber wir haben nicht gezielt nach einer Stelle gesucht. Das war mehr ein Zufallsfund. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ohnehin den Wunsch, mich beruflich weiterzuentwickeln, da kam die Stelle als Leiter des Rettungsdienstes wie gerufen.“
Die Entscheidung, nach Sylt zu ziehen, hat das Ehepaar gemeinsam getroffen, umgesetzt hat Steffen Hachmeyer den Plan vorerst allein. Seine Frau lebt mit den beiden Kindern Lasse und Jana noch in der alten Heimat Holzen im Landkreis Holzminden. „Wir haben das gleiche Problem wie alle anderen: Wir müssen erst einmal eine geeignete Wohnung für eine vierköpfige Familie finden, bevor meine Frau mit den Kindern nachziehen kann. Bis zur Einschulung unseres Sohnes im nächsten Jahr wollen wir hier angekommen sein. Bis dahin komme ich in einer kleinen Personalwohnung des DRK unter.“
Die Fernbeziehung als Übergangslösung ist für alle eine neue Situation: „Meine Frau muss zu Hause jetzt alles alleine regeln, und morgens alleine aufzuwachen, war für mich anfangs auch ungewohnt. Aber der Trennungsschmerz ist nicht so dramatisch, denn meine Familie besucht mich regelmäßig.“ Auch die Kinder hat mittlerweile das Inselfieber gepackt: „Unser fünfjähriger Sohn ist begeistert von der Insel, besonders vom Strand. Unsere Tochter nimmt das ganze mit ihren zwei Jahren sicher noch nicht so wahr, aber auch sie hat gesagt, sie möchte hierbleiben. Ich denke, die Kinder sind in genau dem richtigen Alter für einen solchen Schritt. Jetzt sind sie noch offen genug, um schnell neue Freunde zu finden.“
Zurzeit sind Frau und Kinder wieder zu Hause, und der Strohwitwer nutzt die Zeit allein, um die Insel zu erkunden und erste Kontakte zu knüpfen. „Wenn man hierher zieht, betrachtet man die Insel schon aus anderen Gesichtspunkten. Beispielsweise habe ich nach meiner Ankunft erst einmal geschaut, wo die Supermärkte sind. Das interessiert einen im Urlaub weniger. Im Betrieb wurde ich sehr freundlich aufgenommen, hier herrscht eine gute Gemeinschaft. Darüber bin ich sehr froh. Wenn man irgendwo neu ankommt, macht man sich vorher schon Gedanken, ob man gut ins Team passt und akzeptiert wird. Aber das hat gut geklappt.“ Ein wenig Urlaubsfeeling hat sich der 37-jährige in den darauffolgenden Tagen aber doch noch gegönnt: „Ich bin die Insel einmal von Norden bis Süden abgefahren, habe in List ein Fischbrötchen gegessen, die Sansibar besucht und war am Roten Kliff spazieren – schon jetzt einer meiner Lieblingsorte. Und noch entdecke ich jeden Tag neue.“ Trotzdem lässt die Routine nicht lange auf sich warten: „Nach den ersten Tagen habe ich schnell begonnen, die Insel mit dem beruflichen Auge zu betrachten: Wie ist die Infrastruktur? Wo ist das Krankenhaus? Wie kommen unsere Rettungsfahrzeuge in der vorgegebenen Zeit nach Norden und Süden? Solche Gedanken traten schnell in den Vordergrund.“
So beschränkt sich sein Bekanntenkreis bisher auch auf das berufliche Umfeld – ein Bild vom typischen Sylter hat sich der Niedersachse noch nicht machen können. „Der Friese an sich wird ja eher als reserviert beschrieben, aber ich glaube, die Sylter machen da eine Ausnahme, weil es hier viele Gäste und Zugezogene gibt und ganz allgemein ein steter Wechsel herrscht. Ich bin bisher auf jeden Fall sehr freundlich empfangen worden.“
Die Weihnachtstage hat Hachmeyer bei Frau und Kindern im Weserbergland verbracht: „Da konnte ich endlich mal wieder im Wald spazieren gehen. Wir haben viele zusammenhängende Waldgebiete bei uns. Ich muss zugeben, dass ich das hier etwas vermisse. Zu Hause gehe ich fünf Minuten und stehe mitten im Wald, aber dafür gehe ich hier fünf Minuten und stehe am Strand. Das ist ein guter Ausgleich.“
Auf dem Rückweg fühlte sich der Rettungsdienstleiter an seinen ersten Aufbruch in Richtung Sylt erinnert: „Das war schon ein Sprung ins kalte Wasser. Ein bisschen fühlte es sich an wie die Reise in eine andere Welt. Obwohl ich mich im Vorfeld natürlich mit der Insel auseinandergesetzt habe. Aber so richtig viel vom Alltagsgeschehen auf Sylt kommt in Niedersachsen nicht an. Dort hat man nur das Bild von der Urlaubsinsel im Kopf. Erst wenn man sich näher mit Sylt beschäftigt, wird man auf die bundesweiten Schlagzeilen aufmerksam. Dann beginnt man abzuwägen, sollen wir trotz des Wohnraummangels auf Sylt wohnen oder trotz der Schwierigkeiten mit der Bahn pendeln? Aber allein schon aus beruflicher Sicht war Pendeln für mich keine Alternative.“
Bleibt die Frage, was Steffen Hachmeyer von den Menschen unterscheidet, die sich ein Leben auf Sylt nicht vorstellen können. „Das habe ich mich auch schon gefragt. Vielleicht braucht man einfach eine Portion Abenteuerlust.“
Bleibt zu hoffen, dass sich auch im noch jungen Jahr 2018 viele Menschen finden, die abenteuerlustig genug sind, die Insel als Neu-Sylter kennenzulernen.