Gastbeitrag von Pastorin Susanne Zingel

Von der Bedeutung des Pfingstfestes

Do, 06. Jun 2019
Sylt

Insel Sylt. Die Bedeutung des Pfingstfestes ist für viele Bundesbürger ein Rätsel. In einer Emnid-Umfrage wussten 49 Prozent nicht, was an dem Tag gefeiert wird. Es zeigt sich, dass mehr Ost- als Westdeutsche, mehr Frauen als Männer und vor allem die ältere Generationen besser informiert sind. Am Pfingstsonntag und Pfingstmontag geht es um die „Ausgießung des Heiligen Geistes“. Außerdem wird der Gründung der Kirche gedacht. Für die repräsentative Untersuchung wurden den Angaben zufolge 503 Bundesbürger ab 14 Jahren befragt. Wir haben Pastorin Susanne Zingel von der evangelischen Kirchengemeinde Keitum gebeten, uns die Frage zu beantworten, was an Pfingsten genau gefeiert wird – und an was erinnert werden soll.

„Pfingsten bedeutet der ,Fünfzigste‘, der fünfzigste Tag nach Ostern. Der Name ist mit dem griechischen Wort Pentekost ,fünfzigster‘ (Tag) verwandt und wandert so durch alle Sprachen. In Dänemark wird ‚Pinse‘ gefeiert, in den Niederlanden ‚Pinksteren’, in England ,Pentecost‘, in Frankreich ,Pentecôte‘. Überall werden die Tage gezählt – 50 Tage nach Ostern. 

Damit folgt der Kirchenkalender dem jüdischen Festkalender. Am jüdischen Passahfest starb Jesus und begegnete als Auferstandener seinen Jüngern. Danach weilte er bis zur Himmelfahrt 40 Tage unter ihnen bis zur Himmelfahrt. 10 Tage später, als in Jerusalem wieder ein großes Fest stattfand, nämlich das Schawotfest, kam der Heilige Geist über die Jünger Jesu und sie trauten sich vor die Tür. Sie gingen hinaus auf den Marktplatz und auf die Straßen. Dort trafen sie nach der Apostelgeschichte „Parther und Meder und Elamiter, Menschen aus Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber“. 

Eigentlich hatten die alle nichts miteinander zu tun, aber die Jünger gingen auf die Menschen zu und erzählten von sich und ihrem Glauben. Erstaunlicherweise gingen viele darauf ein. Menschen aus aller Herren Länder fingen an miteinander zu sprechen. Sie konnten sich in ihrer Muttersprache ausdrücken und gleichzeitig verstanden sie, was die anderen sagten. So beginnt Pfingsten als ein großes interkulturelles Fest, als ein Sprachenwunder.

Abstrakte Religionsgespräche können das nicht gewesen sein, dogmatische Erörterungen auch nicht. Jesus hat einmal gesagt: „Wenn ihr das Himmelreich nicht aufnehmt wie ein Kind, dann kommt ihr nicht hinein.“ Kinder sind Meister in der Verständigung untereinander. Kinder aus verschiedenen Ländern können sich ohne Sprachbarrieren begegnen, denn ihre Botschaften sind einfach und klar: „Das gehört mir.“ „Ich möchte mit Dir spielen.“ „Darf ich das haben?“ „Willst Du mit mir auf der Wippe wippen?“ Auf Spielplätzen treffen sie sich, und während die Erwachsenen froh sind, dass sich ihre Sprösslinge miteinander beschäftigen, finden fast unbemerkt lauter kleine Pfingstwunder statt, weil Kinder sich ohne Worte verständigen.

Wir Erwachsenen können das auch und brauchen es sogar. In einer Welt, die immer komplizierter wird, ist eine Verständigung auf elementarer Basis umso notwendiger. „Ich freue mich, dass Du da bist.“ „Ich sehe dir an, dass Du traurig bist.“ „Ich weiß nicht, ob ich Dich richtig verstanden habe.“ „Ich spüre, dass dir das wichtig ist.“

Am Pfingstmontag feiern alle Sylter Kirchengemeinde zusammen einen Gottesdienst. An vielen Orten wird der Pfingstmontag als Tag der Ökumene begangen. Eigentlich kann man darüber schmunzeln, dass es etwas Besonderes sein soll, dass Katholiken und Protestanten, Baptisten und Neuapostolische zusammen Gottesdienst feiern, denn die christliche Urgemeinde, deren Entstehung wir Pfingsten feiern, war nicht in Konfessionen getrennt. Sprachbarrieren und nationale Unterschiede spielten keine Rolle. Die Menschen begegneten sich als Menschen unmittelbar, einfach und unverstellt.

Bis heute erleben wir es als ein Wunder, wenn wir Menschen uns ohne Hintergedanken aufeinander einlassen, ohne Berechnung, ohne Vorurteile – einfach mit einem echten Interesse aneinander.

Fünfzig Tage nach Ostern feiern wir Pfingsten. Während sich der Tag genau berechnen lässt, geht es bei diesem Fest um etwas ganz und gar Unberechenbares. Völlig unerwartet überkommt die Jünger ein neuer Geist. Alles Kleinkarierte ist wie weggeblasen. Dafür ist der Blick weit und das Herz offen für andere Menschen und für neue Möglichkeiten. Wo immer uns das begegnet, geschieht ein kleines Pfingstwunder. 

Jedes kirchliche Fest hat eine Farbe. Für Pfingsten ist es die Farbe Rot. Die Geistlichen tragen eine rote Stola. Der Altar und die Kanzel sind mit rotem Tuch geschmückt. Das sieht hübsch aus. Aber erst wenn wir realisieren, dass dies Rot für das Feuer der Liebe steht, die keine Grenzen kennt und alles versteht, dann wird Pfingsten zu einem Fest.“