Inselcircus: Kliewer-Geschwister setzen Erbe fort

Das neue Prinzip: Stark fürs Leben

Do, 04. Jul 2019
Wenningstedt

Wenningstedt.(sc) In den Sommermonaten sieht man es zwischen Wenningstedt und Kampen schon von weitem: Das große Zirkuszelt des Inselcircus‘ in Rot und Gold zieht nicht nur Kinder magisch an, sondern weckt auch bei den Großen wieder Kindheitserinnerungen. Beim Betreten fühlt man sich sofort in eine andere Welt versetzt: Popcornduft, bunte Farben und Musik erzeugen das perfekte Bild eines Zirkus aus fast vergessener Zeit. Elefanten und Löwenbändiger sucht man hier jedoch vergebens, denn der Inselcircus ist kein Ort der Zuschauer, sondern ein Ort der Akteure. Einmal selbst als Clown, Hochseilartist oder Zauberer in der großen Manege stehen – wer hat diesen Traum als Kind nicht selbst einmal durchlebt. 

Dass Kinder von drei bis 16 Jahren sich diesen Traum heute tatsächlich erfüllen können, ist das Vermächtnis von Martin Kliewer. 1998 schlug er zum ersten Mal mit einer kleinen Besetzung seine damals noch eher puristischen Zelte auf. Seitdem ist der Inselcircus Manege und Feriencamp zugleich: Von den Kleinsten, die im Flohzirkus die bunte Artistenwelt in kleinen Schritten erkunden, bis zu den Teenagern, die im Jugendworkshop zu jungen Stars ausgebildet werden. Sein Leben hatte der Zirkusdirektor der Manege verschrieben – bis zuletzt: Im Januar 2016 verstarb der Familienvater und hinterließ seinen Kindern mit dem Inselcircus und dem Mitmachcircus Mignon in Hamburg eine große Verantwortung. 

„Für uns ging es ohne Pause direkt weiter“, erinnert sich Tochter Hannah. Gemeinsam mit ihren Brüdern Mischa und Roman führt sie das Unternehmen ihres Vaters fort. Als neue Zirkusdirektorin sieht sie sich nicht – ein Zylinder stehe ihr nicht, merkt die Modedesignerin augenzwinkernd an. Für die Kinder, die seit Anfang Juli wieder in den Zelten herumtoben und -turnen, ist sie dennoch das Gesicht des Inselcircus. Für Hannah ist der Zirkus gleichermaßen Arbeitsplatz und Zuhause: Schon mit acht Jahren stand sie im Rampenlicht. „Weil mein Vater mir das Zirkusleben in die Wiege legte, profitiere ich heute von seiner Erfahrung und kann neue Dinge probieren.“ Beispielsweise sei der Zirkus heute transparenter gestaltet: Eltern haben mehr Einblick hinter die Kulissen als früher und können zusehen, wie ihre Kinder neue Talente entwickeln. Auch für die Kinder zeigt sich der Zirkus offener: So können sie ihre Begabung in der Küche des Zirkusrestaurants auf den Prüfstand stellen oder auch einfach mal Kellner spielen. „Stark fürs Leben“, nennt die Zirkusfrau das neue, ganzheitliche Prinzip, das Kindern nicht nur das Jonglieren, sondern alle nötigen Fähigkeiten mit auf den Lebensweg geben soll. Wer aus der Manege herausgewachsen ist, findet im Inselcircus dennoch eine Aufgabe: So werden die Trainer heute von jungen Co-Trainern ab 15 Jahren unterstützt, die selbst einmal im Rampenlicht standen und so das Bindeglied zwischen Zuschauer und Artisten bilden. Die Wiederkehrer aus ganz Deutschland geben in ihren Ferien die früher einmal erlernten Zirkuskünste an kommende Generationen weiter. Mittlerweile besteht der Mitmachzirkus aus einer Mannschaft von bis zu 30 Mitarbeitern, die dafür sorgen, dass es den kleinen und großen Artisten, auch während der Übernachtungen im Zirkushotel, an nichts fehlt. 

Schnell sind Handys und Tablets hier vergessen, und es macht sich ein Gemeinschaftsgefühl breit. Alle fiebern dem großen Finale entgegen: Wenn nach einer Woche Training bis zu 120 Kinder die Hauptrolle in der Manege spielen, gibt es auch für die Eltern auf den Zuschauerrängen kein Halten mehr. Oder, wie Martin Kliewer sagen würde: „Tschüss, dass Sie da waren.“