180 Sylt-Pendler kamen am Freitag zum Jahrestag des Totalausfalls zusammen

Ein Jahr Bahnchaos „gefeiert“

Foto: © Oliver Sippel / Sylter Spiegel GmbH

Unweit des Bahnhofs Niebüll kamen am vergangenen Freitagabend rund 180 Menschen zusammen (Foto), um an den Beginn des Bahnchaos‘ vor einem Jahr zu erinnern.

Di, 14. Nov 2017
Niebüll
,
Sylt

Auch 365 Tage nach Beginn des sogenannten Ersatzkonzeptes der Deutschen Bahn (DB) auf der Bahnstrecke zwischen Niebüll und Westerland liefen am vergangenen Freitag die gewohnten Verspätungsmeldungen über die Anzeigetafeln der Bahnhöfe zwischen Niebüll und Westerland. Fahrgäste, die in Niebüll auf den verspäteten Zug warteten, konnten an diesem Abend wenigstens der Musik lauschen, die der Wind vom Grundstück hinter der EssoTankstelle auf die Bahnsteige trug. „Wind Nordost, Startbahn Null-Drei“, schallte es aus der Ferne, während die knarrende Stimme der Durchsage die Verspätungsmeldung von zehn auf 15 Minuten ausdehnte. Und als die wartenden Passagiere sich schon wünschten, den Weg auf die Insel ebenfalls über den Wolken zurücklegen zu können, fuhr die Durchsage fort: „Grund ist eine technische Störung an einem Zug.“ Die rund 4.500 Pendler, die Stammgäste auf der Strecke zwischen Festland und Insel sind, kennen die Durchsagen mittlerweile auswendig – wenn sie denn kommen: „Oft wird die Verspätung gar nicht angesagt“, kommentierte Schüler Karl-Martin Path die Situation, „Es ist nicht so toll, wenn ich zur Schule muss und keine Ahnung habe, wann ich dort wohl ankomme.“

Path war einer der rund 180 Pendler, die gemeinsam mit Vertretern von Presse, Rundfunk und Fernsehen der Einladung der Pendlerinitiative gefolgt sind, an der Gather Landstraße unweit des Niebüller Bahnhofes bei Glühwein, Feuer und Livemusik von der Sylt-Pendler-Band „Watt‘n Pack“ den Jahrestag des Totalausfalls der Marschbahnflotte zu feiern. „Feiern ist vielleicht der falsche Ausdruck“, sagte Achim Bonnichsen, Gründer der Pendlerinitiative, unserer Zeitung zum Anlass der Veranstaltung. „Wenn überhaupt, dann feiern wir höchstens den Abschied vom Ersatzkonzept.“

Am 11. November 2016 zog, wie ausführlich berichtet, der damalige Marschbahnbetreiber, die Nord-Ostsee-Bahn (NOB), die 90 blau-gelben Reisezugwagen auf einen Schlag aus dem Verkehr. An einem Fahrzeug war eine Kupplung gerissen, die anschließende Untersuchung der anderen Wagen zeigte, dass auch die anderen Kupplungen anfällig für Schäden waren. Die Deutsche Bahn (DB), seit Ende 2016 neuer Betreiber der Bahnstrecke zwischen Altona und Westerland, stellte innerhalb kurzer Zeit 108 Fahrzeuge aus ihrem Altbestand als vorü- bergehenden Ersatz zur Verfügung: „Vorrangig Wagen älterer Bauart, die nicht mehr instandgesetzt werden können“, heißt es auf der Webseite des Nahverkehrsverbundes Nah.SH. Das Ergebnis brannte sich als „Bahnchaos“ ins Gedächtnis einer ganzen Region und erinnerte an ein fahrendes Eisenbahn-Museum, dessen Züge oftmals keine funktionierenden Toiletten, Heizungen oder Klimaanlagen besaßen und besonders zu Spitzenzeiten nicht die Kapazitäten hatten, alle Fahrgäste aufzunehmen. Manch ein Fahrgast musste in dieser Zeit an den Bahnhöfen zurückgelassen werden. Die reparierten Married-Pair-Wagen, die die NOB vor einem Jahr aus dem Verkehr gezogen hatte, sind mittlerweile zurück auf den Gleisen, Zugverspätungen jedoch gibt es nach wie vor. Sie werden von der Pendlerinitiative weiterhin akribisch dokumentiert.

„Ich glaube nicht, dass durch die Rückkehr der MarschbahnWagen alles wieder rund laufen wird“, befürchtete Bonnichsen. „Deswegen haben wir heute ein Mahnfeuer entzündet: Um auf dauerhafte Lösungen zu drängen, damit eine Situation wie im vergangenen Jahr nie wieder vorkommt.“ Rückendeckung erhielt Bonnichsen von Landrat Dieter Harrsen, der in seiner Rede am Freitagabend die Arbeit der Pendlerinitiative lobte: „Ich ziehe den Hut davor, wie Sie das durchgestanden und sich ausgetauscht haben. Ganz viele Verbesserungen im Bahnverkehr sind nur darauf zurückzuführen, dass Sie so gut vernetzt sind.“ Gegenüber dem Sylter Spiegel kritisierte Harrsen die Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn: „Die Bahn ist ein bürokratischer Koloss. Für jedes Thema muss man aufs Neue ewig nach einem Ansprechpartner suchen – das ist in meinen Augen ganz weit weg von einem Dienstleistungsbetrieb.“

Auch Achim Bonnichsen fühlt sich von den Verantwortlichen vorgeführt: „Die Insel Sylt hat nicht nur einen erheblichen Imageschaden davongetragen, sondern auch einen wirtschaftlichen: Mitarbeiter vom Festland haben wegen des Bahnchaos‘ ihren Job gekündigt und es hat eine regelrechte Abwanderung von Fachkräften stattgefunden.“ Für die Qualitätseinbußen haben die Pendler vom Land Schleswig-Holstein, der Nah. SH und der NOB eine einmalige Entschädigung von 80 Euro pro Person erhalten. „Das ist ein schlechter Witz“, ärgerte sich Bonnichsen, „Die Nah.SH hat uns gegenüber geäußert, man habe den Pendlern Lebenszeit geraubt, das könne man nicht mit Geld aufwiegen. Deswegen versuche man es auch gar nicht.“ Vom Erfolg der Protestaktionen wie jüngst dem Pendlerstreik, bei dem rund 600 SyltFahrer für drei Stunden den Zugverkehr zwischen Klanxbüll und Westerland blockiert hatten, sei er dennoch überzeugt: „Sonst hätten wir nicht mal die 80 Euro bekommen, geschweige denn die Ersatzwagen.“ Am 5. Dezember feiert die Pendlerinitiative ihr fünfjähriges Bestehen und will auch weiter den Finger in die Wunde legen: „Trotz der Reparaturen gibt es noch Mängel an den Zügen. Klimaanlagen und Heizungen funktionieren nicht, und Zugausfälle sind nach wie vor an der Tagesordnung: Allein am Donnerstag haben wir 700 Minuten Verspätungen dokumentiert.“