Sylts Asylbewerber – Interview mit Nikolas Häckel - 256 Flüchtlinge leben auf der Insel

08.03.2017

Diese Archivaufnahme aus dem Frühjahr 2016 zeigt die Mitarbeiter des Ordnungsamtes der Gemeinde Sylt, die die Flüchtlinge in der Beratungsstelle im Geschwister-Scholl-Weg 2 in Westerland betreuen. Das Foto zeigt sie in einem der Räume im Geschwister-Scholl-Weg (hinten, v.l.): Naqibullah Naim, Jürgen Ebert, Ordnungsamtsleiterin Gabriele Gotthardt und Marco Krah sowie vorne, v.l.: Rebecca Petersen, Lena Petersen, Diana Rechlin, Nicole Möller und Bürgermeister Nikolas Häckel. Foto: sam

Von Sabrina Müller

Insel Sylt. Knappe eineinhalb Jahre ist es her, dass der Strom der Flüchtlinge nach Deutschland einsetzte – und damit auch auf die Insel. Nach anfänglichen Schlagzeilen etwa über Fragen, wo und wie sie unterzubringen seien und wie der Deutschunterricht organisiert werden müsse, ist es in den vergangenen Monaten ruhig geworden um dieses Thema. Alles palletti also in Sachen Flüchtlinge auf Sylt? Unser Redaktionsmitglied Sabrina Müller hat bei Nikolas Häckel, Bürgermeister der Gemeinde Sylt, nachgefragt. Die beiden kamen ins Gespräch über Herkunftsländer, Alltagsprobleme und das Engagement der Insulaner.

„Herr Häckel, gemäß der gesetzlich festgelegten Quote des Kreises Nordfriesland wurde vor einem Jahr angekündigt, dass bis zu 421 weitere Menschen auf die Insel kommen könnten. Insgesamt müsste die Zahl der Flüchtlinge auf Sylt damit zum Ende vergangenen Jahres bei 600 gelegen haben. Wie viele Flüchtlinge sind denn 2016 wirklich gekommen – und wie viele sind es aktuell?
Im vergangenen Jahr haben wir 90 Flüchtlinge auf Sylt aufgenommen. Seit geraumer Zeit haben wir nun 256 Personen als Flüchtlinge auf der Insel.

Woher kommen die Menschen?
Die Flüchtlinge kommen vorwiegend aus Afghanistan, Syrien, Eritrea, aber auch aus Somalia, dem Jemen, aus Armenien und Russland.

Wie ist die Altersstruktur, also: Leben auf Sylt vor allem alleinstehende Männer oder sind es eher Paare und Familien?
Die auf Sylt Schutzsuchenden sind vorwiegend Familien. Wir haben 41 Familien, sechs alleinstehende Frauen und 117 alleinstehende Männer in der Betreuung.

Ob KLM-Wohnungen, Jugendaufbauwerk in Hörnum, Container oder die Morsumer Grundschule als Flüchtlingsunterkunft: Anfang vergangenen Jahres gab es verschiedene Optionen, wo die Asylbewerber wohnen könnten. Wo sind sie heute tatsächlich untergebracht?
Wir nutzen Wohnungen unseres Kommunalen Liegenschafts-Managements, aber auch privat angemietete Wohnungen und Häuser – diese befinden sich vorwiegend auf dem Gebiet der Gemeinde Sylt, aber auch in einem Gebäude in Hörnum.

Wie viele weitere Menschen sind für das laufende Jahr 2017 angekündigt?
Eine konkrete Personenzahl für dieses Jahr ist uns nicht angekündigt. Dies liegt daran, dass der damalige wie auch der künftige Flüchtlingsstrom nicht kalkulierbar war und ist. Die Flüchtlingssituation und die Zuweisung hängt von so vielen außen- und innenpolitischen Faktoren ab, dass eine seriöse Ankündigung tatsächlich auch nicht möglich ist.
Wir halten bis zu 300 Unterkunftsplätze vor und müssen gegebenenfalls spontan reagieren, sollte diese Kapazität nicht ausreichen. Aber selbstverständlich müssen wir auch unsere Vorhaltekosten angemessen kalkulieren, weil sie nicht refinanziert werden. Die Kommune trägt sie allein.

Und was passiert mit jenen, die bereits hier sind: Wie lange dürfen sie bleiben? Unter welchen Voraussetzungen dürfen Sie auf der Insel arbeiten?
Das Bleiben hängt tatsächlich von der Anerkennung ab. Und davon, ob nicht anerkannte Flüchtlinge abgeschoben werden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) entscheidet im Asylverfahren: Asylbewerber, die sich noch im Verfahren befinden, erhalten eine Aufenthaltsgestattung. Diese berechtigt sie bis zum Abschluss des Asylverfahrens, das heißt, bis zur Entscheidung über den Asylantrag, in Deutschland zu leben und unter bestimmten Bedingungen zu arbeiten. Anerkannte Asylbewerber, die vom Bundesamt einen positiven Bescheid erhalten haben, dürfen grundsätzlich uneingeschränkt als Beschäftigte arbeiten und auch einer selbständigen Tätigkeit nachgehen. Ist nur ein Abschiebungsverbot festgestellt worden, entscheidet die Ausländerbehörde im jeweiligen Einzelfall, ob eine Genehmigung zur Ausübung einer Beschäftigung erteilt wird. Es ist also nicht die Gemeinde, die hier Entscheidungen zu treffen hat.

Sind bislang Probleme bei der Integration aufgetreten – bei Erwachsenen, im Kindergarten oder in der Schule?
Ich würde in diesem Zusammenhang nicht von Problemen sprechen. Wir alle sind Menschen – und in jeder zwischenmenschlichen Beziehung, in jedem zwischenmenschlichen Kontakt gibt es Situationen, die uns im Rahmen von Alltagsproblemen herausfordern.

Wie reagieren Sylter und Urlauber Ihrer Einschätzung nach darauf, dass auf einer Ferieninsel Asylbewerber leben?
Es gibt tatsächlich Gäste, die mich anschreiben und die ihren Urlaub davon abhängig machen wollen, ob auf Sylt Flüchtlinge leben oder nicht. Das macht mich traurig, macht mich ärgerlich. Auch in unserer deutschen Geschichte waren wir Flüchtlinge und wurden aufgenommen. Und auch Sylt hat in der Nachkriegszeit Flüchtlinge aufgenommen und sie in die Gesellschaft integriert. Daher bin ich glücklich und stolz, wie wir uns im vergangenen Jahr in Haupt- und Ehrenamt für die Schutzsuchenden eingesetzt und ihnen ihr Ankommen erleichtert haben. Ich freue mich wirklich sehr, dass wir eine tolle Gemeinschaft, tolle Gastgeber sind. Wir haben den Flüchtlingen ein neues Zuhause angeboten.
 
Wie sieht die Zusammenarbeit der Inselverwaltung mit der Integrationshilfe Sylt aus? Was bietet die Gemeinde von sich aus an?
Die Gemeinde bietet neben guten Unterkünften eine Begleitung durch die Mitarbeiter nicht nur in Verwaltungsdingen, sondern auch im Bereich Sozialarbeit an. Selbstverständlich stehen auch Angebote in Kindergärten und Schulen offen. Die Integrationshilfe und die Volkshochschule bieten Sprachkurse an, mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband wurde das Projekt ,Festmachen auf Sylt‘ entwickelt und unterstützt, um Flüchtlinge auf eine Ausbildung im Bereich Hotellerie/Gastronomie vorzubereiten. Die Vereine erhalten gemeindliche Unterstützung. Die Angebote von der Beratungsstelle für Flüchtlinge, der VHS, der Integrationshilfe, der AWO, der Sylter Tafel, der Kirchen, der Frühen Hilfen Sylt, von Familien im Mittelpunkt, dem Diakonischen Werk, der Trägerkooperation Sylter Unternehmen, den Sport- und sonstigen Vereinen und so vielen Engagierten sind so vielfältig und greifen ineinander – und sämtliche Angebote der Gemeinde stehen natürlich auch den Flüchtlingen zur Verfügung.“


Autor/-in: Sabrina Müller