Karl Max Hellner, Vorsitzender der Sylter Unternehmer, im Interview - „Wurde wirklich alles getan?“

01.03.2017

Fünf komplette frühere NOB-Züge sind nach den Informationen von Karl Max Hellner (unten) oder Einschränkungen oder Schäden einsatzbereit. Der SU-Vorsitzende fragt: „Warum fahren diese Züge nicht? Foto: Archiv

Insel Sylt. Die Sylter Unternehmer haben in den vergangenen Wochen alles getan, um an der Bewältigung der mitunter chaotischen Zustände im Syltverkehr mitzuarbeiten. Nicht nur, dass Vorstandsmitglieder Ende 2016 morgens auf den Bahnhöfen der Insel standen und frischgebackene Teilchen an die Pendler ausgaben, um deren Stimmung zu heben. Der rund 500 Mitglieder zählende Verein hat über diese symbolische Aktion hinaus maßgeblichen Anteil daran, dass sich bereits mehrfach Vertreter von Bahn, Pendlern, dem Nahverkehrsverbund Schleswig-Holstein (Nah.SH) und Wirtschaftsminister Reinhard Meyer an einen Tisch gesetzt haben, um gemeinsam Lösungen zu finden. Anfang April steht die nächste Gesprächsrunde in den Räumen der Sylter Unternehmer in Westerland an; Meyer hat sein Kommen bereits zugesagt.
Wie ist aktuell die Stimmung unter Pendlern und Arbeitgebern? Wie ist die Bahn sechs Wochen vor Beginn des Osterreiseverkehrs aufgestellt? Wie für die bevorstehende Saison? Unser Redaktionsmitglied Heiko Wiegand kam Ende vergangener Woche mit dem Vorsitzenden des Vereins Sylter Unternehmer, Karl Max Hellner, ins Gespräch.

Herr Hellner, sind Ihnen in den vergangenen Wochen Kündigungen zu Ohren gekommen, die mit den Problemen im Zugverkehr begründet wurden?
Bei mir im Unternehmen selbst gab es eine Kündigung aufgrund dieser Probleme, ja. Die frühere Mitarbeiterin hat sich jetzt eine Stelle auf dem Festland gesucht.

Können Sie diesen Schritt verstehen?
Ich kann das schon teilweise nachvollziehen. Aber generell gesehen haben die Pendler auf die Insel eine Anfahrtszeit von 30 bis 40 Minuten. Das ist für Menschen in Ballungsräumen wie Hamburg, Berlin oder Frankfurt ganz normal. Stellen Sie sich mal vor, parallel zum Hindenburgdamm würde ein Autodamm verlaufen. Und man würde von Niebüll auf die Insel 30 oder 40 Minuten im Auto sitzen. Kein Mensch würde sich da beschweren. Was ich damit sagen möchte: Wenn mit der Bahn alles reibungslos verläuft, ist die Situation der Sylt-Pendler keineswegs unzumutbar. Und inzwischen erreichen die Züge angeblich ja wieder eine Pünktlichkeitsquote von 95 Prozent – hoffentlich auch bald wieder mit all den benötigten Kapazitäten.

Ist also wieder alles klar auf der Marschbahn?
Keineswegs. Die Stimmung unter den Bahnfahrern ist gereizt. Die Züge sind weiterhin voll, teilweise überfüllt, das Wagenmaterial ist 30 Jahre alt und hat mit den Standards der Gegenwart nichts zu tun. Und wir als Unternehmer sind auch nicht positiv auf das Thema zu sprechen. Wurde wirklich alles getan, wie von den Vertretern der Bahn behauptet? Wir sehen das anders.

Was muss denn aus Ihrer Sicht getan werden, um zu ,normalen Zeiten‘ auf dem Hindenburgdamm zurückzukehren?
Nach meiner Kenntnis sind fünf komplette frühere Züge der NOB ohne irgendwelche Einschränkungen oder Schäden sofort einsatzbereit. Warum fahren diese Züge nicht? Im Moment werden wir nur vertröstet, weil die zuständigen Behörden eventuell zu langsam arbeiten. Solche Dinge belasten den Verkehr nur zusätzlich.

Was tun denn die Sylter Unternehmer im Hintergrund, um die Situation zu verbessern?
Sylt ist die Premium-Destination Deutschlands. Da passt das aktuell eingesetzte Wagenmaterial einfach nicht dazu. Und übrigens auch nicht der Dauerstreit zwischen dem DB-Sylt-Shuttle und dem blauen Autozug von RDC. Nur, weil die sich mit der Übertragbarkeit der Fahrkarten nicht einig sind, haben unsere Gäste – und natürlich auch die Sylter – hier das Nachsehen. Welcher Gast kommt schon mit zwei Fahrkarten am Port in Niebüll an, nur um dann die für den jeweils nächsten Zug gültige in der Hand zu haben? Mit solchen Dingen beschäftigen wir uns im Hintergrund. Und auch mit der Zweigleisigkeit auf der Marschbahnstrecke. Es ist ja ein Riesenschritt, dass wir mit dieser Strecke nun endlich in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen worden sind. Damit kann der Komfort im Syltverkehr deutlich gesteigert werden – ohne Wartezeiten in Lehnshallig.

In sechs Wochen beginnt die Ostersaison. Dann muss die Bahn nicht nur die Pendler transportieren, sondern auch die vielen tausend Gäste, die hier gebucht haben. Haben Sie Sorge, dass wir durch die Probleme im Syltverkehr langfristig Gäste verlieren?
Wer die Insel liebt, wer sie schätzt, wird sich von so etwas nicht abhalten lassen. Ärger um die Anreise verfliegt, wenn für unsere Gäste alles passt. Wir haben hier hervorragende Dienstleister, die das wettmachen können. Die Gäste werden bei uns bleiben, wenn folgende Gleichung aufgeht: Okay, die Anreise war nicht optimal, aber Sylt war erstklassig.

Wie sehen Sie über die Osterfeiertage hinaus die Perspektiven für die Saison?
Wir stehen für die kommende Saison auf jeden Fall vor einer großen Herausforderung. Aber das hat nicht nur mit den Problemen im Zugverkehr zu tun...

...sondern mit was noch?
Die Baustellen in der Innenstadt belasten den Verkehr. Im Moment gibt es in Westerland nur eine einigermaßen funktionierende Lebensader – und das ist die Maybachstraße. Das ist nicht gut für die Metropole der Insel, denn je weniger Gäste in die Innenstadt kommen, desto geringer ist der Umsatz. Und zuletzt: Wir haben in Westerland zu wenige Parkplätze im Bereich der Innenstadt. Daraus resultiert auch der starke Suchverkehr.

Wie würden Sie das Problem lösen?
Mit einem zentralen Parkhaus in der Innenstadt.

Wo?
Auf dem Habsburg-Gelände hinter dem Technikhaus von H.B. Jensen. Das Areal, auf dem sich bereits jetzt ein Parkplatz befindet, gehört der Gemeinde Sylt.

Das alles, was von Ihnen angesprochen wurde, führt aber aus Ihrer Sicht nicht zu einem langfristigen Rückgang der Gästezahlen für Sylt?
Die Gäste sind bisweilen resistenter als mancher das glaubt. Auch in Hamburg oder Berlin kommt es zu Staus. Das ist doch heute in einer Innenstadt ganz normal, das sind Basics. Viel wichtiger ist doch, was die Insel zu bieten hat. Wir haben hier eine hohe Hotel- und Gastronomiedichte, wir haben hier top Restaurants und tolle Einzelhandelsgeschäfte. Und wir sind für die Zukunft bestens gerüstet. Die Baustellen, die Probleme mit den Zügen, die Parkplatzprobleme – das sind Momentaufnahmen, diese Probleme sind endlich.

Vorletzte Frage: Was sind eigentlich Ihre Erkenntnisse aus den Gesprächen mit den Bahnvertretern hinter verschlossenen Türen?
Die sind von der Situation ebenso überrascht worden wie wir. So etwas hat es in Deutschland noch nie gegeben. Ich denke, anfangs wurde das Problem von der Bahn einfach auch unterschätzt.
Viele Wagen haben an andere nicht angehängt werden können. Dann haben die älteren Wagen kürzere Reparaturintervalle als die neueren. Und nicht jede Lokomotive kann auch von jedem Lokführer gefahren werden. Das waren die Probleme, die manchen Zugausfall verursacht haben. Und es hat gedauert, bis die Dinge aufeinander abgestimmt waren. Jetzt hat die Bahn die Situation besser im Griff – jedenfalls im wesentlichen. Der Wirtschaftsminister kommt Anfang April, kurz vor Ostern, wieder zu uns. Mal sehen, wo wir dann stehen.

Letzte Frage: Werden Sie in diesen bewegten Zeiten im kommenden Mai bei den Wahlen wieder als Vorsitzender der Sylter Unternehmer zur Verfügung stehen?
Ja, ich würde dem Verein zwei weitere Jahre zur Verfügung stehen, Stand heute auch als Vorsitzender!


Autor/-in: Heiko Wiegand