Musikalische Rilke-Lesung in St. Jürgen: Stimmungsvoller Ritt

27.07.10

Misha Loewenberg (links) und Peer Oehlschlägel
gestalteten Rilkes „Cornet“. Foto: cr

Reiten, reiten, reiten,
durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag.
Reiten, reiten, reiten
Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß. Es gibt keine Berge mehr, kaum einen Baum. Nichts wagt aufzustehen. Fremde Hütten hocken durstig an versumpften Brunnen. Nirgends ein Turm und immer das gleiche Bild. Man hat zwei Augen zuviel.


Wer unter uns könnte heute noch  auf Anhieb diese Verse zuordnen? Rainer Maria Rilkes Cornet, eine zyklische Prosadichtung von 1899, ist ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, wie die Schauspielerin Misha Loewenberg und der Musiker Peer Oehlschlägel am vergangenen Samstag in St. Jürgen demonstrierten.
Dass sie das Werk in der Lister Garnisonskirche aufführten, wie Pastor Reichenbächer in seiner Einleitung betonte, schlug einen Bogen zu diesem Stück, das die Sehnsüchte, Ängste und Leidenschaft, Freundschaft, Liebe und Tod eines jungen Fahnenträgers im Krieg gegen die Türken schildert.
Das modern und schnörkellos von Misha Loewenberg vorgetragene Werk brachte die wechselnden Stimmungen einfühlsam zum Ausdruck.
Peer Oehlschlägel an Schlagzeug und Percussion gelang es auf Anhieb, die zwischen Angst und Erwartung pendelnden Schwingungen musikalisch umzusetzen. So leise vibrierende Klänge entlockte er seinem Instrumentarium, dass der Zuhörer im Geiste Laub rascheln hörte, Pferdegetrappel vernahm, in den Rhythmus des Reitens mit hineingenommen wurde.  So weich ließ er die Schlegel aufs Becken trommeln, dass die Klänge zu schweben schienen.
Das Quietschen sich öffnender Tore imitierte er durch die Reibung des „Besens“ auf dem Becken.
Ein lauter Trommelwirbel zerriss die Grenze zwischen Traum und Wachen.
Fasziniert folgten die Zuhörer dieser knapp einstündigen Lesung, die mit sparsamen Mitteln auskam. So ließ Misha Loewenberg die vorgetragenen Textseiten der Reihe nach zu Boden fallen wie welkes Laub, wie verrinnende Zeit. Und mit dem letzten Blatt war die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke verklungen.
Die beiden in Weiß gekleideten Akteure ernteten am Ende viel Applaus für den ebenso unkonventionellen wie überzeugenden Vortrag.


Autor/-in: Christine Retzlaff